Heute erinnert er sich, wie er bei Tinu in der Küche steht und vor dem erneuten Weitergehen jedes Objekt aus seinem Rucksack auf die Küchenwaage legt. Gewicht wird gegen Dringlichkeit und Nutzen ausgespielt, denn er trägt immer noch zu schwer an seinem Rucksack. Was überzählig ist, schickt er in einem Paket zurück an seine alte WG.

Eine Fischerrute fiel der Razzia anscheinend nicht zum Opfer. Ja, das erstaunt heute auch ihn: Er trug eine Angelrute mit sich!

Die Ereignisse von gestern, die Begegnungen und Erfahrungen im Museum, wühlen ihn nach wie vor auf. Die Erlebnisse mit all diesen namhaften und eigenwilligen KünstlerInnen beschäftigen ihn. Auch dass er hautnah mitbekam, wie Emil für sein Werk und sein Engagement für die Kleinkunst im Allgemeinen mit dem höchsten nationalen Kulturpreis geehrt wurde, das rührt eine Frage in ihm an, die er zur Lösung auf diesen Fussweg mitgenommen hat: Wohin entwickle ich mich beruflich, worin liegt meine Berufung? Muss man selber etwas Grosses werden, Wichtigkeit erlangen, bedeutend werden. Oder ist es gesünder, diesem Drang und diesem Wettbewerb auszuweichen? 

Tag 10, Hauterive, gegen Mittag

Am Morgen Hauterive – die Kirche innen ist nichts Schönes – ähnelt mehr einem verstaubten Lagerraum. Ein eigentlicher Baustil ist schwer erkenntlich. Nur weniger Wandmalereien sind schwach erkennbar und sind mit dem Chorfenster zusammen das einzige, woran man sich ergötzen kann. Das Chorgestühl ist auch noch sehr beeindruckend, schwarz, hoch, hinter jedem Platz eine stehende Figur in Holz, grosse Pulte mit acht Büchern.

Orsonnens, am Abend

Am Abend Heute regnerisch, aber kaum richtig geschüttet. Am ersten Höhenzug leerten sich die Wolken ergiebig.

Werde morgen noch etwa 1h haben, bis ich in Romont bin. Hier guter Platz an der „la Glane“ gefunden mit Wochenendhäuschen (Unterstand). Aber das Fischen bringt nichts. Jetzt habe ich zwei „le Parfait“ gespiesen. Die Gegend ist mässig hügelig und von vielen kleinen Dörflein durchsetzt, da wieder mal ein Wald – oh ist der jetzt im jungen Birkenlaub schön, vor allem, wenn die Stämme nass sind, dadurch viel dunkler und geben mehr Kontrast. Hier wieder löwenzahnvolle Wiesen und wenige Äcker. Jedes Weilerchen hat eine Kirche (mit nadelförmigem Turm) und ein kleines, aussenherum meist gut gepflegtes Schulhäuschen.

Ich hatte recht Mühe, wieder ins Gehen hineinzukommen. Die Stadt und der gestrige Tag sitzen mir noch im Blut. Manchmal nahm ich die Umgebung nicht mehr war, weil ich so abwesend war. Am meisten beschäftigt mich der Gedanke daran, dass ich seit der zweiten Klasse berühmt werden will. Die Fachgebiete haben sich mit der Zeit verschoben und ich verdränge diesen Gedanken heute auch und leugne ihn…

Über den Gartenzaun kam ich mit Frau Aebischer ins Gespräch. Bald merkten wir, dass es Mundart besser geht. Sie lud mich zu Kaffee und Kuchen ein, erzählte von ihrem Peter, der an Krebs gestorben war, dass sie erst jetzt Autofahren gelernt habe und wie sie jetzt reisen möchte, aber fast nicht mehr könne. 32 Jahre lang arbeitete sie auf dem Bauernhof. Wie sie mit einer Welschen telefonierte, musste ich herzhaft lachen. Erstens schrie sie in den Hörer, als müsse sie die Distanz mit der Lautstärke überwinden, und zudem hatte sie einen Akzent und Sprachfehler, dass es zum Jucken war. Ihr Französisch war schlechter als das meinige – wie ich mich da zuhause fühlte! Diese halbe Stunde hat mir grosse Freude bereitet. 

Ansonsten bin ich mit Jungen aus dem Dörfchen ins Gespräch gekommen. Ruhig Blut beiderseits und es geht. 

So, es dunkelt, Angel einziehen!

Foto: „Skizze aus dem TB“ – Teil der Zisterzienserabtei von Hauterive