Nach dem Aufstehen lichtet er im Morgennebel als erstes «seine Bahnwagenwohnung» ab. Er bleibt also seinem Entscheid treu, für die Übernachtungen kein Geld auszugeben. Und von wegen Fotografieren: Er trägt eine kleine Ricco-Kamera mit sich. Wenn der Film belichtet ist, schickt er ihn nach Hause. Da er ja täglich weitergeht, kann er diesen nicht vor Ort entwickeln und sich die Fotos nachsenden lassen. Auch der Rucksack würde dadurch zu schwer.

Tag 2, 29.04.1988, Am Morgen

Die Nacht war luxuriös, die Schuhe trockneten bestens und ich war so gut zwäg, dass ich erst zwei Stunden ohne Morgenessen ging. Es kommt mir vor, als wäre ich schon lange unterwegs. 

In Schwyz oder Ibach bauten die von der Viehseuche verschonten Bauern dem Antonius zum Dank eine Kapelle. Rührend das schriftliche Bekenntnis (1936).  Als in den Fünfzigern wieder das gleiche Unheil abgewendet werden konnte, kam über die Tür eine riesige Antonius-Statue – zu seinen Füssen ein Schwein.

Sonne, Nebel – dick – über mir, Aufhellung, Sonne, Wirbel auf dem See, Bewölkung!

Am Abend, in Stans

Ein Tag ohne Erlebnis, das man eine Bombe nennen könnte – ein Erlebnis, das alles anderes um sich zerstört, vergessen lässt – und doch war er so reich wie eine ganze Woche: Sandalenkauf, Gespräch mit dem Jugoslawen, Englisch mit dem Neuseeländer, Rudolf-Steiner-Schüler, Landkarte gekauft, um dem vorzubeugen, was dann doch eintraf: Sackgasse! Die Kapelle mit der «Sinser-Überraschung», Gehen in den Sandalen, abgestumpfte und unfreundliche Soldaten, Einkauf von Weissbrot und Käse und Wein, Stans mit dem Winkelrieddenkmal, Jonglieren und jetzt hier bei Annrea – ein Zuhause.

Winkelried stützt sich auf einen schon gefallenen Kameraden. Seine Arme bündeln Lanzen und er, aufschauend zu einem über ihn hinwegstürmenden Mitstreiter, welcher in die Bresche haut, in die Gasse, die er eben gerissen hat. Ein Held – wie man so gern von ihnen hört. Wie viele es gibt und sie doch nicht gegeben hat. Und wir, so weit von diesen Taten entfernt.  – Winkelried mag sein wie Santiago, gar nicht existiert zu haben: Entstanden aus politischer Verflechtung und Dichterkunst, aus Freude am Schönen. Und hat doch so manches bewirkt, so vielen Mut gemacht, so manchen in den Bann gezogen, dass er viele stärkte. Der Glaube bringt die Kraft, nicht die Wahrheit!

Das Zusammentreffen mit der 5. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Baar freute mich. Ihre Vitalität, die Fähigkeit, sich zu freuen und die einzelnen Persönlichkeiten – jeder gab schon ein mehr oder weniger scharfes Bild ab – machten mir Eindruck und gaben mir Kraft. Ich versprach, aus Spanien eine Karte zu senden.

Erstaunlich, wie fad der Frühling ohne Sonne daherkommt und wenn sie da ist, dann glänzen Bäume, Wiesen und Wasser. Sogar die Häuser und Strassen beginnen zu strahlen. Toll!

Morgen möchte ich bis Wilen und wenn möglich bei Woody* übernachten.

*Woody ist eine Studienkollege aus den Jahren der Lehrerausbildung.

Foto der Bahnwagenwohnung
Foto: «Der Bahnwagen“ – darin verbrachte er die Nacht