Er ist tatsächlich losgegangen. Ob er den Weg bis nach Santiago de Compostela aber wirklich zu Fuss schaffen wird – wenn er sich am ersten Tag schon so verirrt?! Und der Rucksack scheint auch zu schwer zu sein. 

Drei Jahrzehnte später wird in seiner Küche an der Pinwand ein Zettel hängen:
«Geh einfach den ersten Schritt, der Weg folgt dir dann schon auf der Ferse!»

Tag 1, 28.04.1988

Habe Einsiedeln nach zwei Messen (Wow!) heldenhaft, aber bescheiden verlassen. Bei der Überquerung Haggenegg lag viel Schnee und ich ging querfeldein. Je höher ich stieg, umso mehr Nebel und Schnee schwebte und lag. Manchmal war es weiss – ringsum. Ich verlor die Orientierung. Ich ging den vom Wind in den Schnee gezeichneten und von Schmutz gefüllten feinen Strässchen nach und landete, oh Gott, in Rothenthurm.

Was ich heute gegangen bin, hätte ich via Katzenstrick dreimal einfacher haben können. 

Die Strecke Einsiedeln-Alpthal war sehr schön – hätte bei anderen Verhältnissen zu Aquarellen geführt. In Rothenthurm ist das Weihwassergefäss in der Kapelle eine Muschel und die Decke voller Sterne – SCHÖN!

Gestern Nacht – ich hatte mich hinter einem Stapel von aufgesägten Baumstämmen irgendwo im Klostergebiet niedergelegt – erlebte ich grosse Furcht. Ich stellte mir die grössten Mordszenen in Frankreich und Spanien vor, malte mir aus, wie mich ein Hund zerfleischt und bekam Angst. Jedes Geräusch liess mich aufschrecken. Erst lag ich auf dem Bauch. Der Holzboden resonierte meinen nicht besonders schnellen, aber sehr harten Puls. Als ich mich drehte, berührte ein Ohr den Schlafsack leicht. Mit jedem Blutstoss bewegte sich dieser, nur wenig, aber nervenaufreibend vernehmbar. – Ich redete mir gut zu, versuchte mein Zentrum zu spüren, atmete tief und ruhig, und alles brachte nichts, bis ich ein Vaterunser betete. Darauf schlief ich ein, erwachte wegen der Kälte mehrere Male, ruhte aber sonst gut aus.

Leichte Rückenschmerzen. Ich muss mit dem Gurt und der Bauchtasche etwas Neues herausfinden – es schmerzt an den Hüften. Gepäck wiegt 14,2 Kilo. Etwas viel! Was muss weg? 

Unterwegs hatte ich gute Gedankenfetzen-Wortgebilde. Und, obwohl sie dann in leerem Raum stehen, muss ich mir angewöhnen, sie aufzuschreiben – im Moment. 

Lebensträume und Wunschvorstellungen jedoch darf man nicht fixieren. Denn so, wie man sie sich denkt, treffen sie nicht ein. Sie erfüllen sich schon, aber gewandelt – wenn man sie wandeln lässt.

Jetzt geht es mir so gut in meiner Bahnwagenwohnung! Morgen: Schwyz, Brunnen und über den See.

Tagebucheintrag: Irrgehen
«Wie er in die Irre ging»
Skizze aus dem Tagebuch