Diesmal hat der Mut nicht gereicht: Sich einfach zum Frühstücksbuffet stellen, als ob man Gast wäre  im Hotel? Nach dieser knappen Woche Gehen wird er ein Gefühl bekommen haben, dass sein Ausdruck, seine Haltung, vielleicht gar seine Ausstrahlung schon nicht mehr dieselbe war, wie jene eines herkömmlichen Hotelgastes. Wind und Wetter müssen ihn etwas geprägt haben. Vielleicht scheute er sich einfach, «Händel» zu bekommen, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Dies hätte sein Freiheitsgefühl, welches er am Nachmittag anscheinend ausgiebig  lebte, doch zu sehr beeinträchtigt.

Tag 7, Thun, am Mittag

In Gunten, im Umkleideraum des Parkhotels, habe ich übernachtet. Zielstrebig bin ich gestern da hingegangen – nach einem Gespräch am Stammtisch und eines mit Tauchern – als ob ich es gewusst hätte. Habe seelig geschlafen.

Ich rege mich jetzt etwas auf, dass ich es eben gerade nicht schaffte, im Parkhotel wie jeder andere Gast in den Esssaal zu treten, um dort das Morgenessen einzunehmen. Sie hätten mich ja nicht mehr als «päcklen» können. Aber eben, der Mut hat gefehlt. Die Verlockung, wie ich die Leute so am Buffet stehen sah, war gross. Aber das «Das darf man doch nicht» war noch grösser. Dies ist nun ein Erlebnis und eine Erfahrung weniger – und doch auch eine mehr. 

Dort im Garten traf ich eine Frau, 75 Jahre alt und doch in einer Vitalität, die man selten sieht. Sie versuche das Leben jetzt zu geniessen und sei dahergekommen, um zu schreiben, meinte sie. Sie hoffe, dass sie 90 Jahre alt werde: «An das Leben kann man nicht genug grosse Ansprüche stellen!»

Der Weg von den Beatushöhlen, die ein totaler Reinfall sind – viel touristisches Geflunker, alles abgeschlossen, nicht einmal ein Kirchlein, als einziges stellten mich die Ruinen der alten Pilgerherberge auf, ja wie man sich ob Kleinem freuen kann! – der Weg also nach Merlingen war göttlich. Ich habe gesungen, gezeichnet, fetzenhaft gereimt und es einfach genossen. Auch von Interlaken her war es gut zu gehen – Sonnenschein.

Heute sehe ich Pit*

*Pit ist ein sehr guter Freund aus der Lehrerbildungszeit

Karte mit Markierung seines Weges ab Brienz
Karte mit Markierung seines Weges ab Brienz, eingeklebt im Tagebuch.