Er trifft auf das bürgerliche Leben – auf das, was er selber fürchtet, vor dem er zu flieht und wegen dem er sich unter anderem auf den Weg gemacht hat. Während in ihm sich die ersten Erfahrungen von Freiheit und Loslassen wohlig breitmachen, trifft er auf die verführerischen Annehmlichkeiten gemachter Betten, von serviertem Grillfleisch und auf luftige Unterhaltung mit Freunden bei Sonnenuntergang am See… Dies und alles darum herum scheint ihm mit einem Preis einher zu gehen, den er nicht bezahlen möchte. Was aber die Alternative ist, weiss er nicht, vielleicht noch nicht. Deswegen geht er – weiter.

Tag 5, 02. 05.88, Lungern, am Morgen

Ich sitze in Lungern und bin gut auf den Beinen. Der Tag der Arbeit, wo ich mit Woody das Nichtstun lebte, tat zur Erholung gut. Heute möchte ich noch über den Brünig kommen, muss aber erst wieder Geld einlösen.

Das Wetter und die Gegend sind traumhaft.
Es ist eine Wonne, ins Tal zu blicken –
der graublasse See, dessen Wellenzungen nach Lungern zeigen
die saftiggrünen Matten
die Felsbänder mit den schwarzen Tannenkränzen
und im Hintergrund die von Wolkenfetzen umtobten weissen Riesen
deren Gletscherfelder im Sonnenlicht gleissen
Ich bedaure es, dass ich weiter muss
Es werden Gegenden kommen,
wo ich die Schönheit nur mit Mühe erkennen kann

Gestern

Morgenmesse mit gutem Orgelspiel und flauer Predigt.* Dann Morgenessen im Rössli und danach Ausflug auf den Glaubenberg. Schwendi-Kaltbad hat ein super Restaurant. Der Wirt bereitet das Essen auf dem Feuer. Da sassen wir lange, erst drinnen, dann an der Sonne. Das Aquarellmaterial blieb liegen und ich fand zu Woody wieder eine gute Welle. Wir sprachen gut zusammen und einen guten Schritt scheint er mir nun weiter zu sein. Seine Selbstsicherheit ist erstarkt. In Diskussionen oder Angelegenheiten seine Meinung klar einbringen, das macht ihm aber immer noch Mühe. So habe ich seine Beziehung zu Cloe in einem schlechten Licht gesehen: unnahbar, oberflächlich, den Konflikten ausweichend und kühl. Ich stelle mir da etwas anderes vor.**

Dass er ein Jahr an der Berufsschule übernehmen wird, finde ich gut. Ich selber aber würde dies nicht machen. Da wäre mir meine Energie zu schade. Denn wenn ich da unterrichten täte, dann auf einem Gebiet, das ich beherrsche und gut mag. Da er sich aber zu einem so gewaltigen Schritt entscheidet, ist das bestaunenswert. So kommt er auch von Stalden weg – Stalden, das ihn braucht, ihn auch auslaugt, aber ihm zu wenig Forderung und Erfolgt gibt.

Am Abend assen wir, nachdem wir im Lido noch die Abendsonne genossen hatten, eine Pizza und tranken wieder.

*Woody ist Organist, unterrichtet in Stalden. Er engagiert sich auch in Vereinen.
**Cloe ist seine Freundin

Textseite aus dem Tagebuch
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