Autor: Hannes Leo Meier

go wild 24./25. 09. 21

Beste Freunde unter freiem Himmel

Im Einfachen liegt Grösse!

Schritte zur untergehenden Sonne. Die Kartoffeln vom Acker waren ein Geschenk, wie die Lilien vom Felde – und frischer geht kaum. Das Wasser zum Waschen hätte «heiliger» nicht sein können. Die Frau vom Volg ein Herz. Der Schlaf – und Kochplatz eine weitere Überraschung. Gegessen vom Feuer haben wir wie die Fürsten und Fürstinnen. Und langsam glitt der Nebel von den angrenzenden Wiesen hinein in die Lichtung, zu uns, löste den fast vollen Mond ab und brachte uns den Schlaf unters Tara. Aus den Bäumen tropfte es, kein Regen aber fiel. Wir blieben trocken, feierten weiter Freundschaft und auch das Feuer flammte immer wieder magisch auf, holte so gar den einen oder die andere aus dem Schlaf.

Zum Zmorge gab es frischen Kaffee aus der Kanne, getrunken an der Stehbar des Glücks am fliessenden Wasser.

skizzieren & notieren 12./13. 06.

Flink das Grosse und Weite fassen, dem Winzigen Zeit und Raum geben

Am Samstag skizzierten wir vom Dach eines Hochhauses aus in die Ferne. Die Weite, das Weite. Das Unermessliche, vom Horizont her einfangen, sich von da aus in die Nähe zeichnen. Auf die grossen Linien achten, sich Linie um Linie näher blicken und dabei nicht in Details sich verlieren. Für keine der ersten Skizzen mehr denn zehn/fünfzehn Minuten aufwenden…

Am Nachmittag widmeten wir uns, sitzend in einem Garten, einer Ansicht aus der Nähe, einem Blicksegment von Kraut, Gestrüpp, Blattwerk oder Blumenwucher. Eineinhalb Stunden lang. Strich um Strich, den Wucherungen folgen. Ergründen mit dem Stift, was die Natur hier vermeintlich so unscheinbar aufbaute und verzahnte, in sich selber sich verranken liess.

Am Sonntag wanderten wir von der Staffelegg her zum Brombeerihuus, gelegen an der «Polenstrasse» ob Thalheim. Dabei entstanden über die Anleitung von «Auffaltbare Wege zur Poesie» starke und eindringliche Texte. Lyrik. Unterwegs. Auch skizziert wurde. Und in die Jurahügel gestaunt… Gegen den Abend hin feierten wir bei einem feinen Apéro Vernissage und Finissage zugleich.

Zeichnung: Einsiedeln - Le Puy

MindWalk 23/32 – Tag 0

Zusammen mit dem Dreiundzwanzigjährigen sind wir in Einsiedeln im Jahre 1988, – sein WG-Zimmer ist aufgegeben, sein Job gekündigt und auf der Gemeinde hat er sich abgemeldet. Neben ihm steht sein Rucksack, daran angelehnt sein Wanderstock  und aus der Tasche, die an seinem Gürtel hängt, zieht er sein Skizzen- und Reisetagebuch hervor. Er öffnet es und schreibt zum ersten Mal hinein.

Am Abend vor dem Start, 27.04.1988

Dieses Buch ist schön. Das Papier saugfähig, leicht rau – eine Wonne, hineinzuschreiben. Ich hoffe, es begleite mich gut und komme mir nicht abhanden!

In der Kirche war ich einige Sekunden. Der Wächter schloss. Nachdem ich exemplarisch zu Nacht gegessen habe, geht’s jetzt ans Schlafplatzsuchen. Leicht hat es getröpfelt.

Morgen starte ich. Der Rucksack ist schwer. Ich muss mir bald überlegen, was ich rausschmeissen will.

Vor meinem Vorhaben fürchtet mir. Die Anstrengung, die Einsamkeit und das Ungewisse liegen mir auf. Jetzt bin ich noch «zuhause». Aber bald kommt der Rösti- und dann der Camembertgraben. Und da werde ich zu beissen haben. – Ich weiss, dass viele mit mir gehen. Und das stärkt mich. Diese Gewissheit brauche ich.

Zeichnung: Einsiedeln - Le Puy
«Blick auf die Marienstatue in Le Puy»
Skizze aus dem Tagebuch, gezeichnet nach einem Monat Fussweg
Tagebucheintrag: Irrgehen

MindWalk 23/32 – Tag 1

Er ist tatsächlich losgegangen. Ob er den Weg bis nach Santiago de Compostela aber wirklich zu Fuss schaffen wird – wenn er sich am ersten Tag schon so verirrt?! Und der Rucksack scheint auch zu schwer zu sein. 

Drei Jahrzehnte später wird in seiner Küche an der Pinwand ein Zettel hängen:
«Geh einfach den ersten Schritt, der Weg folgt dir dann schon auf der Ferse!»

Tag 1, 28.04.1988

Habe Einsiedeln nach zwei Messen (Wow!) heldenhaft, aber bescheiden verlassen. Bei der Überquerung Haggenegg lag viel Schnee und ich ging querfeldein. Je höher ich stieg, umso mehr Nebel und Schnee schwebte und lag. Manchmal war es weiss – ringsum. Ich verlor die Orientierung. Ich ging den vom Wind in den Schnee gezeichneten und von Schmutz gefüllten feinen Strässchen nach und landete, oh Gott, in Rothenthurm.

Was ich heute gegangen bin, hätte ich via Katzenstrick dreimal einfacher haben können. 

Die Strecke Einsiedeln-Alpthal war sehr schön – hätte bei anderen Verhältnissen zu Aquarellen geführt. In Rothenthurm ist das Weihwassergefäss in der Kapelle eine Muschel und die Decke voller Sterne – SCHÖN!

Gestern Nacht – ich hatte mich hinter einem Stapel von aufgesägten Baumstämmen irgendwo im Klostergebiet niedergelegt – erlebte ich grosse Furcht. Ich stellte mir die grössten Mordszenen in Frankreich und Spanien vor, malte mir aus, wie mich ein Hund zerfleischt und bekam Angst. Jedes Geräusch liess mich aufschrecken. Erst lag ich auf dem Bauch. Der Holzboden resonierte meinen nicht besonders schnellen, aber sehr harten Puls. Als ich mich drehte, berührte ein Ohr den Schlafsack leicht. Mit jedem Blutstoss bewegte sich dieser, nur wenig, aber nervenaufreibend vernehmbar. – Ich redete mir gut zu, versuchte mein Zentrum zu spüren, atmete tief und ruhig, und alles brachte nichts, bis ich ein Vaterunser betete. Darauf schlief ich ein, erwachte wegen der Kälte mehrere Male, ruhte aber sonst gut aus.

Leichte Rückenschmerzen. Ich muss mit dem Gurt und der Bauchtasche etwas Neues herausfinden – es schmerzt an den Hüften. Gepäck wiegt 14,2 Kilo. Etwas viel! Was muss weg? 

Unterwegs hatte ich gute Gedankenfetzen-Wortgebilde. Und, obwohl sie dann in leerem Raum stehen, muss ich mir angewöhnen, sie aufzuschreiben – im Moment. 

Lebensträume und Wunschvorstellungen jedoch darf man nicht fixieren. Denn so, wie man sie sich denkt, treffen sie nicht ein. Sie erfüllen sich schon, aber gewandelt – wenn man sie wandeln lässt.

Jetzt geht es mir so gut in meiner Bahnwagenwohnung! Morgen: Schwyz, Brunnen und über den See.

Tagebucheintrag: Irrgehen
«Wie er in die Irre ging»
Skizze aus dem Tagebuch
Foto der Bahnwagenwohnung

MindWalk 23/32 – Tag 2

Nach dem Aufstehen lichtet er im Morgennebel als erstes «seine Bahnwagenwohnung» ab. Er bleibt also seinem Entscheid treu, für die Übernachtungen kein Geld auszugeben. Und von wegen Fotografieren: Er trägt eine kleine Ricco-Kamera mit sich. Wenn der Film belichtet ist, schickt er ihn nach Hause. Da er ja täglich weitergeht, kann er diesen nicht vor Ort entwickeln und sich die Fotos nachsenden lassen. Auch der Rucksack würde dadurch zu schwer.

Tag 2, 29.04.1988, Am Morgen

Die Nacht war luxuriös, die Schuhe trockneten bestens und ich war so gut zwäg, dass ich erst zwei Stunden ohne Morgenessen ging. Es kommt mir vor, als wäre ich schon lange unterwegs. 

In Schwyz oder Ibach bauten die von der Viehseuche verschonten Bauern dem Antonius zum Dank eine Kapelle. Rührend das schriftliche Bekenntnis (1936).  Als in den Fünfzigern wieder das gleiche Unheil abgewendet werden konnte, kam über die Tür eine riesige Antonius-Statue – zu seinen Füssen ein Schwein.

Sonne, Nebel – dick – über mir, Aufhellung, Sonne, Wirbel auf dem See, Bewölkung!

Am Abend, in Stans

Ein Tag ohne Erlebnis, das man eine Bombe nennen könnte – ein Erlebnis, das alles anderes um sich zerstört, vergessen lässt – und doch war er so reich wie eine ganze Woche: Sandalenkauf, Gespräch mit dem Jugoslawen, Englisch mit dem Neuseeländer, Rudolf-Steiner-Schüler, Landkarte gekauft, um dem vorzubeugen, was dann doch eintraf: Sackgasse! Die Kapelle mit der «Sinser-Überraschung», Gehen in den Sandalen, abgestumpfte und unfreundliche Soldaten, Einkauf von Weissbrot und Käse und Wein, Stans mit dem Winkelrieddenkmal, Jonglieren und jetzt hier bei Annrea – ein Zuhause.

Winkelried stützt sich auf einen schon gefallenen Kameraden. Seine Arme bündeln Lanzen und er, aufschauend zu einem über ihn hinwegstürmenden Mitstreiter, welcher in die Bresche haut, in die Gasse, die er eben gerissen hat. Ein Held – wie man so gern von ihnen hört. Wie viele es gibt und sie doch nicht gegeben hat. Und wir, so weit von diesen Taten entfernt.  – Winkelried mag sein wie Santiago, gar nicht existiert zu haben: Entstanden aus politischer Verflechtung und Dichterkunst, aus Freude am Schönen. Und hat doch so manches bewirkt, so vielen Mut gemacht, so manchen in den Bann gezogen, dass er viele stärkte. Der Glaube bringt die Kraft, nicht die Wahrheit!

Das Zusammentreffen mit der 5. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Baar freute mich. Ihre Vitalität, die Fähigkeit, sich zu freuen und die einzelnen Persönlichkeiten – jeder gab schon ein mehr oder weniger scharfes Bild ab – machten mir Eindruck und gaben mir Kraft. Ich versprach, aus Spanien eine Karte zu senden.

Erstaunlich, wie fad der Frühling ohne Sonne daherkommt und wenn sie da ist, dann glänzen Bäume, Wiesen und Wasser. Sogar die Häuser und Strassen beginnen zu strahlen. Toll!

Morgen möchte ich bis Wilen und wenn möglich bei Woody* übernachten.

*Woody ist eine Studienkollege aus den Jahren der Lehrerausbildung.

Foto der Bahnwagenwohnung
Foto: «Der Bahnwagen» – darin verbrachte er die Nacht

Foto: Karte mit eingezeichnetem Weg

MindWalk 23/32 – Tag 3

Sein Skizzenbuch ist ihm Begleiter, ist ihm Ohr, vielleicht gar Gesprächspartner. Was er aber in dieser Nacht in Stans erlebt, scheint ihm selbst beim Niederschreiben noch fast die Sprache zu nehmen: Er trifft auf eine Frau, die ihm das Mittellose und Ungebundene, das Simple und Anarchische, das Gewinnen und Verlieren, das Reisen und das sich Aussetzen, das Fallen und das wieder sich Aufrichten so drastisch vor Augen führt, dass er sich daneben wie ein Stümper vorkommt – ein Kitschpilger.

Tag 3, 30.04.1988, irgendwann am Abend

Die Art, wie Annrea wohnt, ist beeindruckend. Ein Dachkämmerchen, 4×4 Meter, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Gitarre, ein Kreuz, einige Bücher und Briefe, der Eingang mit Tüchern verhängt und das Dach mit Glaswatte und aufgetrennten und weissgetünchten Zigarrenboxkartons isoliert – fertig. Im Winter habe sie mit einem Pelzmantel geschlafen, die kleine Elektroheizung habe sie erst seit diesem Jahr. 

Wir hockten zusammen, sprachen – vor allem sie –, tranken Wein und rauchten einen Joint. Sie erzählte von ihrem Leben, ausgehend von ihrem Exodus mit sechzehn Jahren und wie sie in Genf landete, am Neujahr ihren Pass zerriss und eigentlich vorhatte, mit dem Leben Schluss zu machen. Sie sang auf der Strasse und pöbelte alle Leute an. Eine Frau drückte ihr das Matthäus-Evangelium in die Hand. Mit ihrem Hund zusammen ging sie dann ins Tessin, fand dort eine Hütte, weit oben im Schnee, die mit Esswaren ausgestattet war. Da blieb sie, kam später ohne Pass über die Grenze nach Italien und begann ihre Wanderung. Ausgerüstet war sie mit einem Pfännlein, der Gitarre und dabei ihr Hund als Begleiter. So ging sie mit der Überzeugung: «Die Vögel des Himmels säen und ernten nicht und haben doch immer genug zu essen.»

Sie lernte ihre erste grosse Liebe kennen – da unterbrach sie und zeigte an, dass sie das nicht erzählen wolle. Irgendwie ging sie dann weg, traf eine andere Frau – sie selber 19 und die «andere» 16. Zusammen reisten sie fünf Jahre. Ihre Freundin, Lesbe, hat jetzt ein Kind und lebt in Genf. Getrennt hätten Ann Rea und sie sich nicht richtig, immer wolle ihre Kollegin zu ihr wohnen kommen. [ …]  

Eingefahren ist mir, sie so auf dem Weg zu sehen, das Gute suchend und immer wieder abstürzend, sodass sie sagt: «Immer muss ich wieder bei Null beginnen. Das pfupft mich an und ich frage mich, ob ich nicht lieber für immer unten bleibe.» Diese Haltung, dieses Dilemma gepaart mit dem tiefen Glauben, der ganzen rudimentären Dachwohnung (so lebten wir während der Primarschule in unseren Hütten), ihrem eigentlich schönen Gesicht – ja, sie machte keinen verlebten Eindruck –, dem so schön ursprünglichen Nidwaldnerdialekt, diesem ewigen Zukunftsaussichtenfrust. 

Beim Einschlafen gab sie mir noch ihren Winternachtmantel als Unterlage und ich hinterfragte alles, was sie gesagt hatte, nach seinem Wahrheitsgehalt. Ich schlief dann eine eigentlich ruhige Nacht, erwachte hie und da wegen der Kälte, hörte sie stöhnen.

Am Morgen stand sie auf, zog sich an, holte einen Kaffee auch für mich, fragte mich, ob ich nach ihrem Arbeitsabschluss noch da sei und wir küssten uns. «Take your time», sagte ich zu ihr. 

Das Gehen nahm ich heute nicht so auf, meine Augen und Ohren waren beschlagen. Ich trug den ganzen Tag Annrea in mir. Ich bewundere sie. Der ewige Neubeginn, das Suchen und Scheitern, das imponiert. Es ist die Tragik des Menschen und zudem auch seine Bestimmung. Nur, Annrea muss noch von anderen Kräften schwer geschüttelt werden oder Masochistin sein, denn sie fordert das Leiden buchstäblich heraus. Aus ihrer eigenen Geschichte kann sie für sich praktisch nichts lernen. – Sie interessiert mich. Ich hoffe, ich höre wieder von ihr – Gutes. Sehr gespannt wäre ich auf eines ihrer Bücher.

Ich habe Woody doch noch erreicht. Werde bei ihm übernachten können. 

Die Landschaft hier ist 
So wunderbar gebirgig 
und doch so offen 
Felswändchen stufen die Ebenen ab 
Seen zentrieren das Grün 
Schneefelder krönen das Land 
und Häuser und ganze Dörfer 
besprenkeln die Matten. 
Wunderbar hier zu wohnen 
mit Blick auf den See, JA!

Foto: Karte mit eingezeichnetem Weg
Karte mit der Markierung seines Weges, eingeklebt im Tagebuch
Skizze des Landungssteges am Seeufer in Brunnen

MindWalk 23/32 – Tag 4

Heute ruht der Wanderer – 1. Mai. Morgen wird er aufzeichnen, was er heute tat.

Und wir? Lasst uns auch das GEHEN geniessen? 

Ab wann ist gehen Gehen? Reicht dazu schon ein Schritt?

Das Verb «gehen» ist in der deutschen Sprache vor allen anderen Verben König und Königin,

Denn wenn es um die Anzahl der möglichen Prefixe geht, die einem Verb vorangestellt werden, ist «gehen» unschlagbar – es passen mindestens 39 Prefixe.

So lasst uns das GEHEN hochhalten!

Tag 4, 01.05.1988, kein Eintrag

Skizze des Landungssteges am Seeufer in Brunnen
«Der Blick vom Schiffsssteg in Brunnen in Richtung Altdorf»
Skizze aus dem Tagebuch

MindWalk 23/32 – Tag 5

Er trifft auf das bürgerliche Leben – auf das, was er selber fürchtet, vor dem er zu flieht und wegen dem er sich unter anderem auf den Weg gemacht hat. Während in ihm sich die ersten Erfahrungen von Freiheit und Loslassen wohlig breitmachen, trifft er auf die verführerischen Annehmlichkeiten gemachter Betten, von serviertem Grillfleisch und auf luftige Unterhaltung mit Freunden bei Sonnenuntergang am See… Dies und alles darum herum scheint ihm mit einem Preis einher zu gehen, den er nicht bezahlen möchte. Was aber die Alternative ist, weiss er nicht, vielleicht noch nicht. Deswegen geht er – weiter.

Tag 5, 02. 05.88, Lungern, am Morgen

Ich sitze in Lungern und bin gut auf den Beinen. Der Tag der Arbeit, wo ich mit Woody das Nichtstun lebte, tat zur Erholung gut. Heute möchte ich noch über den Brünig kommen, muss aber erst wieder Geld einlösen.

Das Wetter und die Gegend sind traumhaft.
Es ist eine Wonne, ins Tal zu blicken –
der graublasse See, dessen Wellenzungen nach Lungern zeigen
die saftiggrünen Matten
die Felsbänder mit den schwarzen Tannenkränzen
und im Hintergrund die von Wolkenfetzen umtobten weissen Riesen
deren Gletscherfelder im Sonnenlicht gleissen
Ich bedaure es, dass ich weiter muss
Es werden Gegenden kommen,
wo ich die Schönheit nur mit Mühe erkennen kann

Gestern

Morgenmesse mit gutem Orgelspiel und flauer Predigt.* Dann Morgenessen im Rössli und danach Ausflug auf den Glaubenberg. Schwendi-Kaltbad hat ein super Restaurant. Der Wirt bereitet das Essen auf dem Feuer. Da sassen wir lange, erst drinnen, dann an der Sonne. Das Aquarellmaterial blieb liegen und ich fand zu Woody wieder eine gute Welle. Wir sprachen gut zusammen und einen guten Schritt scheint er mir nun weiter zu sein. Seine Selbstsicherheit ist erstarkt. In Diskussionen oder Angelegenheiten seine Meinung klar einbringen, das macht ihm aber immer noch Mühe. So habe ich seine Beziehung zu Cloe in einem schlechten Licht gesehen: unnahbar, oberflächlich, den Konflikten ausweichend und kühl. Ich stelle mir da etwas anderes vor.**

Dass er ein Jahr an der Berufsschule übernehmen wird, finde ich gut. Ich selber aber würde dies nicht machen. Da wäre mir meine Energie zu schade. Denn wenn ich da unterrichten täte, dann auf einem Gebiet, das ich beherrsche und gut mag. Da er sich aber zu einem so gewaltigen Schritt entscheidet, ist das bestaunenswert. So kommt er auch von Stalden weg – Stalden, das ihn braucht, ihn auch auslaugt, aber ihm zu wenig Forderung und Erfolgt gibt.

Am Abend assen wir, nachdem wir im Lido noch die Abendsonne genossen hatten, eine Pizza und tranken wieder.

*Woody ist Organist, unterrichtet in Stalden. Er engagiert sich auch in Vereinen.
**Cloe ist seine Freundin

Textseite aus dem Tagebuch
Textseite aus dem Tagebuch

MindWalk 23/32 – Tag 6

Zu Fuss durch einen Autobahntunnel gehen. Dafür brauchte er wohl etwas Überwindung. Diese Gelegenheit aber liess er sich nicht nehmen. Er wird er sich gesagt haben: Wage das Wagnis, denn daraus holst du dir jene Eindrücke, die deinem Leben die Note geben, die dir zwingend  scheint. – An den Weg und ein starkes Erlebnis beim Gang über den Brünig, erinnert er sich Jahrzehnte später noch – aber an eine ganz andere Szene, als jene, die er im TB notierte. Es gibt anscheinend Erlebnisse, deren Dringlichkeit und Ausserordentlichkeit sich erst mit der Zeit manifestieren.  

Tag 6, Gunten, am Abend

Am Morgen regnete es und weil das Schiff erst spät ging, marschierte ich Giessbach zu. Das Dorf aber verpasste ich, weil ich den Giessbach-Autobahntunnel der A8 passierte. Die Strasse ist für den Verkehr noch nicht offen und ich tappte ins Dunkle hinein. Wie still und tot es darin war. Es gingen mir Gedanken durch den Kopf: Wie öde ist das Reisen im Auto! Später wurde das Licht angezündet. Irgendwann tauchte einsam ein Strassenputzwagen auf, den ich davor schon andauernd hörte, ohne zu wissen, was es sein könnte und der meine Lunge dann mit seinen «Dauerfürzen» füllte…

Nach Iseltwald kam ich und setzte mich vor einen Edelspunten. Ich musste ertragen, wie sie da Riz Casimir assen, während ich mein Bierlein trank. Ich legte mich auf den Landungssteg und erwachte einige Male, aber dann erst wieder, als das Schiff schon das Abschiedshorn ertönen liess. Ich juckte auf – bin noch selten so schnell von einem Traum weggekommen – krächzte irgendetwas, rannte, fuchtelte, packte den Rucksack und den Stock, zum Glück gut bepackt, schrie wieder: «Halt! Ich will auch mit, ich muss!» Da erst verstanden sie und kamen zurück – uff. Bevor das Schiff schon wirklich angelegt hatte, wollte ich hinüberjucken. Der Kapitän wollte aber nicht.

Auf dem See und überhaupt auch sonst: Ein Traum. Alles ist so fein und vielfältig gestaltet und zeigt sich im Frühlingsgewand und in der Sonne von der besten Seite. Ich werde die Schweiz vermissen.  In Brienz, wo ich übernachtete, nachdem ich über den Brünig kam – gar nicht so schlimm und hoch wie ich dachte – regnete es und meine Stimmung war lau. Deshalb schrieb ich auch nicht mehr. Auf der Brünigstrasse fuhr ich ein kurzes Stück mit dem Auto, zwei Junge hielten an.

«Autobahntunnel Giessbach A8» von innen
«Autobahntunnel Giessbach A8» – seine Sicht im Innern

MindWalk 23/32 – Tag 7

Diesmal hat der Mut nicht gereicht: Sich einfach zum Frühstücksbuffet stellen, als ob man Gast wäre  im Hotel? Nach dieser knappen Woche Gehen wird er ein Gefühl bekommen haben, dass sein Ausdruck, seine Haltung, vielleicht gar seine Ausstrahlung schon nicht mehr dieselbe war, wie jene eines herkömmlichen Hotelgastes. Wind und Wetter müssen ihn etwas geprägt haben. Vielleicht scheute er sich einfach, «Händel» zu bekommen, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Dies hätte sein Freiheitsgefühl, welches er am Nachmittag anscheinend ausgiebig  lebte, doch zu sehr beeinträchtigt.

Tag 7, Thun, am Mittag

In Gunten, im Umkleideraum des Parkhotels, habe ich übernachtet. Zielstrebig bin ich gestern da hingegangen – nach einem Gespräch am Stammtisch und eines mit Tauchern – als ob ich es gewusst hätte. Habe seelig geschlafen.

Ich rege mich jetzt etwas auf, dass ich es eben gerade nicht schaffte, im Parkhotel wie jeder andere Gast in den Esssaal zu treten, um dort das Morgenessen einzunehmen. Sie hätten mich ja nicht mehr als «päcklen» können. Aber eben, der Mut hat gefehlt. Die Verlockung, wie ich die Leute so am Buffet stehen sah, war gross. Aber das «Das darf man doch nicht» war noch grösser. Dies ist nun ein Erlebnis und eine Erfahrung weniger – und doch auch eine mehr. 

Dort im Garten traf ich eine Frau, 75 Jahre alt und doch in einer Vitalität, die man selten sieht. Sie versuche das Leben jetzt zu geniessen und sei dahergekommen, um zu schreiben, meinte sie. Sie hoffe, dass sie 90 Jahre alt werde: «An das Leben kann man nicht genug grosse Ansprüche stellen!»

Der Weg von den Beatushöhlen, die ein totaler Reinfall sind – viel touristisches Geflunker, alles abgeschlossen, nicht einmal ein Kirchlein, als einziges stellten mich die Ruinen der alten Pilgerherberge auf, ja wie man sich ob Kleinem freuen kann! – der Weg also nach Merlingen war göttlich. Ich habe gesungen, gezeichnet, fetzenhaft gereimt und es einfach genossen. Auch von Interlaken her war es gut zu gehen – Sonnenschein.

Heute sehe ich Pit*

*Pit ist ein sehr guter Freund aus der Lehrerbildungszeit

Karte mit Markierung seines Weges ab Brienz
Karte mit Markierung seines Weges ab Brienz, eingeklebt im Tagebuch.

MindWalk 23/32 – 7A

Liebe MitgeherInnen
Liebe Leser- und Leserinnen

Ich freue mich sehr, in diesen Dimensionen mit Euch unterwegs zu sein!  

Vor sechs Tagen ereilte mich eine Nierenkolik. Seit dreien ist die zwar gebannt, aber wie mein Arzt meinte: «Man kann auch Flöhe und Läuse gleichzeitig haben», beschäftigt sich mein Körper anscheinend zusätzlich mit der Abwehr anderer Eindringlinge, die das System beeinträchtigen. So muss ich sicher  für vier Tage die Notizen und Skizzen aus den Wandertagebüchern von 1988 ruhen lassen. Am kommenden Mittwoch erscheint voraussichtlich der nächste Eintrag. Danke für Euer Verständnis!

Und: Eine Nierenkolik macht einem – und insbesondere danach, wenn die Genesung wieder hergestellt ist – den Wert und die Magie des Gehens noch einmal und auf eine eindringliche Weise erlebbar.

Als Bild lege ich euch das Foto der Tagebuchtasche bei. Rechtsseitig von der Hüfte zu meinem Oberschenkel hängend, dadurch unweigerlich mindestens jeden zweiten Schritt mitmachend, bis zum salzigen Atlantik beständig Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt und des Nachts mir als ein Teil des Kopfkissens dienend, hielt sie tatsächlich alle Strapazen aus. Wenn jemand auf diesem Weg mit mir jeden Schritt mitgemacht hat, dann war sie es – äusserlich wenigstens – neben meinen Schuhen, in denen meine Füsse staken… Zum Schluss jedoch hing die Sache dann nur noch an wenigen Fäden. Bald schon hätte ich nähen müssen.

Tragtasche für Tagebuch
Tagebuchtasche


Ausblick: Für morgen werde ich im Sinne eines Zwischenhaltes eine Zusammenstellung von Feedbacks verschiedener LeserGeherInnen aufschalten, von Menschen, die sich seit dem Start von «MindWalk 23/32» per Mail bei mir gemeldet haben- und dazu einen Gedankenblitz von mir. 

MindWalk 23/32 – 7B

Hier einige Stimmen von aussen und später jene von mir, sagen wir ihr «von innen». Das macht ja etwas mit einem, zusammen so unterwegs zu sein…

Stimmen von aussen: Feedbacks, die mich per Mail erreichten

Folge O

Jaaaa, es geht los!!! Ich freu mich aufs Mitgehen. Ich höre ganz Dich, auch wenn es schon ein paar Jahre her sind. Ich kann es kaum erwarten, dass es wieder 18 Uhr wird. Hoffentlich werden die Texte länger 😉
K. G. in B

Folge 1

Satz des Tages, hochaktuell: «Lebensträume und Wunschvorstellungen jedoch darf man nicht fixieren. Denn so, wie man sie sich denkt, treffen sie nicht ein. Sie erfüllen sich schon, aber gewandelt – wenn man sie wandern lässt.»
K. G. in B

Folge 2

Freue mich auf den nächsten Eintrag… ein Bedürfnis nach mehr ist geweckt.
J. W. in D

Habe den Blog gefunden und gerade eben die ersten drei Einträge gelesen. Ein interessanter Satz über die Lebensträume und Wunschvorstellungen – da bin ich jetzt ein bisschen hängen geblieben.
S. H. in A

Folge 3

…danke für einen weiteren Einblick und sehr schönes Bild
J. W. in D.

Eine schöne Idee – und in diesen Zeiten des Nichtstuns ein guter Anstoss zum Kopfreisen und zum Planen der nächsten Abenteuer, die wohl noch eine ganze Weile werden auf sich warten lassen.
J. B. in Z.

Folge 5

Sehr schön, deine Website und… zeichnerisch begabt!
P. P. in A.

Ich habe über die letzten Tage die ersten 5 Einträge gelesen. Nach dem 3. Eintrag liefen mir die Tränen runter – es scheint, dass Ihre Berichte etwas in mir aufgewühlt haben. Erinnerungen an die eigene Reise, eine Sehnsucht und gleichzeitig wohl auch ein sich verstanden fühlen in gewissen Gedanken, Lebensfragen, Reiseverständnis.
Dass die Einträge so stichwortartig, oft verdichtet auf die Essenz sind, öffnet einen grossen Raum für eigene Bilder und Gedanken und lädt tatsächlich ein, sich innerlich selbst auf die Reise zu machen. Auf die Entdeckungsreise nach Antworten, vielleicht auch.
Inspiriert von Ihren Texten habe ich mich schliesslich hingesetzt und bin ein weiteres Mal in meine eigenen Reisetexte versunken. Danke für den Anstupser und den Link.

M. E. in Z.

…jetzt habe ich auf Deiner Website gestöbert und die ersten Einträge gelesen. Fast beneide ich den 23-jährigen ein wenig, der sich da auf den Weg macht und drei Monate zu Fuß vor sich hat.
Für diesen Frühsommer hatte ich mir vorgenommen, das «Grüne Band», also die ehemalige innerdeutsche Grenze entlang zu wandern. Aber das Projekt muss ja nun verschoben werden.
R. H. in P.

…weisst Du, dass XY (ihr Sohn) total begeistert ist von Deinen «walks»? Wollte es nur sagen. Herzlich…
M. S. in C.

Folge 6

Jetzt hani au drriglueg. U HUERE guet! Dini Fänin
M. S. in C.

Das ist eine schöne Idee! Aber ich versuche mein Fernweh nicht zu füttern.
K. A. in B.

Folge 7

Meine Sehnsucht gestillt und gefüttert hatte ich die letzten Monate mit «Thair Abud» und mir fest vorgenommen, auch wieder auf Wanderschaft zu sein. Vielleicht schau ich doch noch rein…
K. A. in B.

Stimme von innen

Gehen kann der schönste Aufstand des Menschen sein gegen das Stehen bleiben, gegen das Liegen und Verhocken – die menschlichste Art, dem Stillstand Bewegung zu verleihen.

Gehen kann der persönlichste revolutionäre Akt sein, den wir zur Verfügung haben, um dem Leben das zu geben, was es ist: Wachstum. Im Gehen entscheiden wir uns für die Veränderung, für das Herausfordernde, für den neuen Blick, für das Ungeahnte – ganz einfach und simpel, auf jener Augenhöhe, die uns angemessen ist und in jenem Tempo, welches das unsere ist. 

Gehen kann sein, im Rhythmus der Schritte und offenen Auges unterwegs zu sein durch das Paradies Erde – und keiner sieht es uns an, dass wir tanzen, weil es so «normal» aussieht. Move the Beat, Dance the Space, Step by Step!
HLM, 04. 04. 2020

MindWalk 23/32 – Tag 7/C

Er hat einen langen Tag hinter sich, viele Kilometer in den Füssen. Zudem ist der Schlafplatz noch nicht gefunden. Dennoch schreibt er vor dem Einnachten. Aber die Begegnung und das Gespräch mit Pit bleiben unerzählt. – Sich heute erinnernd, meint er zusammen mit Pit eine Trattoria besucht zu haben, dieser in einem hellblauen Hemd und darüber in irgendeiner Art von Strickjacke. Aber warum sollte das nun wichtig sein? Was sie redeten, weiss er nicht mehr. Leider!
Denn, ein gutes Jahr später wird der Schreiber schockiert und überstürzt von Berlin aus ins Welsche reisen, an den Heimatort von Pit. Dort steht er fassungslos vor einem Sarg, schwerst glaubend, was er da grad mit allen teilt, und es dennoch zutiefst verstehend. Pit, dieser geniale Mensch, ausgestattet mit den Fähigkeiten zu allen Künsten, Pit, diese Seele von einem Freund, vermochte seine zweite Depression nicht überstehen. Und der Schreiber wird heulend, aber mit grossem Respekt, sich jener Sätze erinnern, die Pit nach seinem Auftauchen aus dem ersten Tief ihm anvertraute: «Ich weiss jetzt, was die Hölle ist! Aber ich verstehe nicht mehr, wie ich da durchkommen konnte. Was ich aber weiss, ist, dass wenn das noch einmal kommt, ich es kein zweites Mal schaffen werde.» Diese hier im Wandertagebuch also kurz dokumentierte Begegnung war das letzte Zusammentreffen der beiden Freunde.

Tag 7/2, Gurnigelbad, am Abend

Ich bin gepflockt. Habe mir fast die Beine in den Leib getreten, weil ich mich vergangen – äh, verlaufen habe. Beim Nachten traf ich hier ein. Hätte beinahe noch die Taschenlampe zücken müssen. Jetzt hock ich da, als Grünbehemdeter bei Grünen. Zu schlafen gäbe es nichts bei ihnen, meinten sie. Sie hätten scharfe Munition auf der Wache. Kann noch spannend werden bei der Suche nach einem Nachtlager. Am Schluss habe ich nur noch zu laufen gehabt, mit Denken war sense.
Vorher ging mir das Treffen mit Pit  durch den Kopf und all das Militärische, das ich unterwegs traf: Die Leopardfräser, die Schiessübungen und der ganze Waffenplatz. Und bei allen, die ich da sah, erkannte ich jene Freude, die Kinder auch haben beim Anblick eines 1. Augustfeuerwerks, die Freude am Indianerspielen und die Ergötzung eines kleinen BMX-Fahrers. Dabei üben diese Gewaltsmaschinen (Leopard) und die Räuchlein und kleinen Pupfer dieselbe Faszination bei ihnen aus. Um über Pit zu schreiben, bin ich zu müde. Ich weiss nur, dass ich ihn liebe – von Herzen.

Jakobusstatue über Kapelleneingang
«Jakobusstatue über Kapelleneingang», irgendwo in der Deutschschweiz

MindWalk 23/32 – Tag 8

Er meint sich zu erinnern, in einem riesigen Weinfass geschlafen zu haben. Zwei Sitzbänke waren da hineingezimmert und das Fass stand in seiner Ovalform aufgerichtet im Garten eines Ausflugsrestaurant, so quasi ohne Deckel und ohne Boden.
Die Begegnung später beim Schulhäuschen hat etwas Allegorisches. Heute einnnert den Gehenden diese Sequenz an eine Romanstelle aus einem Bändchen von Urs Widmer – oder ist es umgekehrt, erinnerte sich der Geher beim Lesen von Widmers Passage über das Schulhaus, zu dem aus allen vier Himmelsrichtungen ein Weg führt, er sich an seine Begegnung von damals – an die schöne Lehrerin und die stimmige Schulsituation.
Man stelle sich nur vor, was hätte werden können, hätte der Geher seinen Weg nicht fortgesetzt – womöglich würden wir hier heute keine Tagebucheinträge lesen oder sie hätten eine andere Fortsetzung genommen.

Tag 8, Plaffeien, am Abend

Alles über den sumpfigen Hügelzug gehend bin ich via Guggisberg hierher gelangt. Der morgige Waggel nach Fribourg wird zu meistern sein – falls meine linke Achillessehne sich erholen kann.
Das Jubiläum hat mit einem Schock begonnen: Eine Zecke hat sich eine Handbreit über meinem Geschlecht festgebissen. Im Restaurant liess ich mir Öl geben und setzte mich ins WC. Wie ein Spritzer kam ich mir vor, wie ich dahocke und das Viech beträufelte. Mit der Sackmesserpinzette riss ich sie aus, erwischte dabei wahrscheinlich nur den Körper. Für solche Operationen ist das Werkzeugchen nicht gemacht – zu spitz die beiden Klemmen und zu eckig der Hals. Ich konnte nicht gleichmässig drehen. Dann desinfizierte ich mit Klosterfrau Melissengeist und Vita-Merfen. Jetzt sieht’s gut aus, bin aber immer noch gefasst auf eine Infektion. Erinnerte mich an Pit‘s Erzählung, dass es Zecken gäbe, die eine unheilbare Kinderlähmung übertragen können. Hier in dieser Gegend gebe es solche – bibber, bibber!

Guggisberg habe acht kleine Schulhäuser. Ich sprach mit der Handarbeitslehrerin – eine schöne Erscheinung. Wünschte mir, sie wieder zu treffen. Aber da komme ich in Konflikt mit meiner Reise und so – zack – ging ich, und bleibe verschollen. Das Zimmer, alt, in Holz getäfert, eine echte Schulstube. Vielleicht acht Kinder hatte sie zu unterrichten und die Glocke selber zu läuten. Das würde mir gefallen – in einer gesunden Umgebung, gutes Schulhaus, wenig Schüler, mehrere Klassen – aber nicht allein, ich brauche das Kollegium.

Heute brauchte ich meine Ohren, Augen und Gedanken, um den von mir vorgewählten Weg zu finden. Lange und immer wieder sass ich über der Karte. So kann ich wenig Inneres erzählen. Die Gegenden hier, vor allem die Talgründe, sind sehr ansprechend. Weit ausladende, aber nicht mehr so grosse Bauernhäuser, Fleckenvieh, von Bächen gefressene Schluchten und viel Wiese von kleinen schwarzen Wäldern umsäumt. Die Alpwiesen sind leider sehr matschig und die meisten noch braun.
Ich gehe jetzt einkaufen – öpis zum Brötle – und gehe dann ein kleines Stück zu einem guten Platz. Habe aber keine Karte mehr.

Foto einer Landschaft
«Landschaft» aufgenommen von irgendwo unterwegs

MindWalk 23/32 – Tag 9 – George de Gotteron

Forellen in einem Zuchtbecken scheinen ihm einen Eintrag wert zu sein. Was fasziniert ihn daran? Die Kraft und der Wille, gegen den Strom zu schwimmen? Die Kräfte überhaupt, die des Wassers, das nach unten drängt und die des Lebens, das nach oben kämpft? Oder ist es das Blitzen der Leiber in der Sonne, der Fisch, in der Luft, wo er eigentlich «gar nicht hingehört“ und dazu das Rauschen des Wassers? Wissen können wir es nicht, nur ahnen.

Er scheint zudem eines erstes Mal «aus der Zeit gefallen“. Die herkömmliche Zeitmessung der Tage hat sich für ihn aufgelöst. Es wirkt, als sei er in seinem Jetzt in einen fliessenden Raum geraten. Wie er dann berichtet vom Ankommen in der Stadt, der Stadt, die man so und so schreiben kann, auf die er sich zudem freut, da fühlt er sich sogar ins Mittelalter zurück versetzt. Er selber ist unterwegs in «the Middle Ages». Weil er sich im Vorfeld intensiv mit dieser Zeitepoche befasst hatte – auch was das Pilgern damals geheissen hat -, schafft ihm nun Bilder, Wissen, einen Zustand, Emotionen und eine Dramaturgie, dank derer er sich selber in diese Zeit zurück versetzen kann. 

Weiter scheint sein Auge geschärft, gerichtet seine Wahrnehmung auf Farben, Licht und Schatten.

Tag 9, 05. 05. 88, George de Gotten, später Fribourg

Heute muss der 5. Mai sein. Ich kann’s auf dem Kassabon sehen – denn ich selber habe die Zeit verloren.

Das Wetter ist so schön und warm wie noch nie. Hier in der Gorge de Gotteron reizte es mich, ins Wasser zu gehen.

Die Nacht war ruhig. Nur einmal raschelte ein Tier an meinem Esssack. Ich erwachte, schlug auf die Bank und hörte darauf das Tier wegrennen. Manchmal wachte ich auf und hoffte immer, es werde bald hell. Ich fühlte mich zum Weitergehen bereit. Als dann aber die Sonne kam, war es mir plötzlich wohl in meinem Sack und ich nickte mehrmals wieder ein.

In der Forellenzucht versuchten die Fische, durch Sprünge in den Kennel zu gelangen, der das Becken mit Wasser speist. Hie und da erreicht einer die Höhe, aber der Schwall war zu stark. Sie wurden zurückgestossen. Schön, das Zappeln der glänzenden Leiber zu sehen.

Fribourg

Ich sitze im Treppenhaus und warte auf Felsigers*. Habe gedacht, so gegen sechs würde zumindest einer von beiden da sein. Tote Hose. Auch Barbara** war nicht zu treffen. Alle, obwohl etwa 6 Personen da wohnen, sind ausgeflogen. 

Das aber tut keinen Abbruch. Die Sonne lockert mich auf und in der Stadt geht mancher lachen oder pfeifend. Alles glänzt und ist auf den Beinen. Die Vögel pfeifen trotz Autolärm und –Gestank.

Die Kathedrale, von Autos, Lärm und Gestank umspült, leidet aussen sehr. Die Figuren bröckeln und St. Jakob hat sogar seinen Stab verloren. Das Gesicht ist wie von Pech überzogen. Auch im Innern sieht es „schitter“ aus. Die Wände und Stützbogen zeigen weisse Kalkschlieren, aber die Renovation ist im Gang. Ich danke, wenn sie vorne fertig sind, können sie gleich wieder hinten beginnen.

Beeindruckt hat mich ein Seitenraum, beim Eingang rechts. Zwei grosse Glasfenster halten das Steingeviert in einem düsteren Blau. Beim Eintreten dachte ich erst an ein UV-Licht. Da stehen steinerne Personen um einen toten Jesus, alle in Lebensgrösse. Vor dem Steinsarkophag liegen und sitzen schlafend drei Soldaten. Die Gemeinschaft ist durchmisch von biblischen und kirchlichen Personen – Maria, gestützt durch einen Mann, zwei Patres oder Priester… Sie scheinen in diesem fahlen Licht fast lebendig und die roten Rosen auf der Brust des Toten geben dem Bild eine noch tiefere Trauer und Empfindung. In mir stieg beim Anblick das Gefühl auf: Mensch, wie dieser Tod, diese Geschichte über Jahrhunderte hinweg immer wieder lebendig und echt nachempfunden worden ist. Gut, das „echt“ müsste ich einklammern, denn wir hauen in unserem Nachvollziehen enorm viel daneben.

Die Glasfenster – Jugendstil – sind zum Staunen. Aus der Farbenpracht und Formenvielfalt erkannte ich erst nach einiger Zeit des Betrachtens ein reales Bild. Einzelheiten aufzudecken war spannend. Erstaunt war ich über die vielen weltlichen Szenen – den Rütlischwur, eine Bannerniederlegung und selbst die Anbetung durch die Könige wirkte in dieser Farbenfülle befremdend. – Im Chor beteten zwei alte Herren in Talaren eine Litanei, ganz für sich, nachdem der Organist mit seinem Mädchenchor die Probe beendet hatte.

Wie ich aus der Gorge de Gotteron heraustrat, tat sich vor mir die Altstadt auf, überthront durch den Turm der Kathedrale. Ich fand mich ins Mittelalter zurückversetzt. Ich sah mich zusammen mit anderen durch die Strassen ziehen, ein Pilgerlied singen und mich schon auf den Wein und die Geselligkeit freuend. Unsere Ledersohlen tappten auf dem Kopfsteinpflaster und neugierige Blicke, abschätzige und erfreute, begegneten uns. Da beschloss ich, länger hier zu bleiben. 

Konditoreien haben im Moment eine magische Anziehung auf mich. Ich könnte süsses Gebäck essen in rauen Mengen. Einige Annehmlichkeiten gönn ich mir, aber irgendwann ist auch genug.

*Tinu Felsig ist ein weiterer Kollege aus der Zeit seiner Lehrerausbildung. Tinu studiert in Fribourg Heilpädagogik und lebt in einer Sechser-WG

**Barbara: Name nicht geändert. Es ist nicht mehr klar, wer damit gemeint ist

«Skizze aus dem Tagebuch», Landschaft über eine Kirchturmspitze hinweg

MindWalk 23/32 – Tag 8/2

Jetzt tauchen sie auf in seinem Tagebuch: Die Frau, die Liebe, das Drama. Vivian heisst sie.  Er liest einen Brief von ihr. Hat er diesen mitgetragen von zuhause? Unterwegs wird er wohl kaum Post erhalten haben. Liest er den Brief jetzt zum ersten Mal? Trägt er ihn – sie mag ihn ihm vielleicht beim letzten Zusammensein übergeben haben,- schon die ganze Woche lang mit sich herum, ungeöffnet? Gut möglich: Jetzt, wo das Fernsein naht, öffnet er ihn, getraut er sich, ihn zu öffnen. Vielleicht weil jetzt genügend Distanz da ist, um dem Schmerzhaften die ertragbare Nähe geben zu können.
Und auch die Angst vor seinem eigenen Mut kommt wieder auf. Langsam spürt er, wie ihm in der Landschaft in kleinsten Verschiebungen das ihm Bekannte abhanden kommt. Noch reden die Leute zwar deutsch, aber er kann das Französische schon fast riechen. Und wenn er sich dann schlafen legt, irgendwo draussen im Dunkeln, potenzieren sich diese kleinen Zeichen der Veränderung und gebären Geister.

Tag 8, St. Ursen (Buechechäppeli), am Abend

Zum Glück brennt das Feuer. Sonst hätte ich wieder kaum ausstehbare Angst. Weshalb? Am meisten fürchte ich um mein Leben. Aber da gibt es doch so viele Situationen, wo es nichts zu fürchten gibt und dennoch fühle ich Angst. Oder ist es die Einsamkeit? Momentan fürchte ich mich vor der Zukunft. Immer weiter komme ich von dem mir Bekannten weg. Die Sprache kippt ins Gelernte und doch nicht Beherrschte, ich treffe Menschen an, deren Körper- und Zeichensprache ich nicht verstehe – so denke ich. Mein Kontakttrumpf und die beste Verteidigungswaffe sind handicapiert. Vor dem fürchte ich mich, obwohl ich gar nicht weiss, ob diese Punkte auch wirklich echte Schwierigkeiten ergeben werden. Also eine Art Vorfreude, nur ins Minus.

Inzwischen fürchte ich mich auch vor Zecken und darum habe ich Mühe, heute unter den Bäumen zu schlafen. Ich ziehe die Bank vor.

Weshalb ich nicht zeichne? Beim Gehen bin ich momentan extrem auf Leistung. Ich will Distanzen schaffen und während den Pausen kann ich mich nicht aufraffen – da will ich ruhen und etwas essen. Und zeichnen ist für mich immer noch anstrengend.

Jetzt lese ich den Brief von Vivi nochmals. Nein, «unsere Geschichte» ist nicht schiefgelaufen. Schief sind die Ebenen oder die Ebene auf der wir stehen – oder eben standen. Und das ist menschlich. Wo es gehapert hat, sind die klaren Meldungen, vielleicht auch die klaren Einsichten in das, was jeder fühlte und wollte oder will. Ich nehme mit, dass ich mich klarer ausdrücken muss, meine Forderungen stellen, auch wenn nach diplomatischer Sichtweise dies nicht «intelligent» erscheint. Zuviel auf das Gespür des anderen abstützen und denken: Sie wird’s wohl merken! – das bringt Leisetreten und Selbstbetrug.  Für mich die gute Seite: Ich weiss, dass ich lieben kann – mit all den Besitzansprüchen, dem Egoismus, der Eifersucht. Lange Zeit dachte ich mir, für mich wäre das nicht möglich – nicht mehr möglich.

Versöhnungsversuche brauchen wir nicht. Wir müssen Standpunkte haben, um von da aus aufeinander zugehen zu können oder eben stehen zu bleiben und zu dem ja sagen, wie oder was es eben ist. Solange sich unsere «Stellungen» zu dem, was jetzt ist, nicht verändern, d.h. ich dich ganz will und du bei Manuel bleibst, also für mich nur ein Viertel bleibt, so müssen wir JA sagen dazu. Und der Bauplatz unserer Liebe bleibt leer, Stangen stehen da vielleicht, aber wachsen – nein, wachsen soll dann nur das Unkraut da.

Heiligenbild: Maria, der Engel und der heilige Geist
«Maria, der Engel und der heilige Geist», Ort der Aufnahme nicht mehr bekannt

MindWalk 23/32 – Tag 9/2 – Fribourg

Heute schreibt er „Lebendig sein“ – zweimal hintereinander. Darum könnte es ihm also auf diesem Weg gehen, auch gehen. Er scheint nach einer Qualität von Leben zu suchen, nach einem Sein in Achtsamkeit, wie man das heute nennen würde, nach einem tiefen und die Eindrücke und Gedanken und Wahrnehmungen des Moments feiernden Zustands.

In diesem Beitrag «reibt» er sich an den Leben und den Werken von Künstlern. Er fahndet, betrachtet, benennt, vergleicht, positioniert, – ja wertet auch. Und er findet dabei auch Referenzen und Verbindungen zu seinem Gehen und seinem Unterwegssein; Dank Tinguely zum Beispiel „findet er Anstoss“, diese Worte benutz er selber, zu jenem Raum, aus dem alles kommt und wohin alles geht, zum „Nichts“.

Wenn er diese Zeilen schreibt, kann er noch nicht wissen, dass er Tinguely morgen begegnen wird – und vielen anderen KünstlerInnen, die für sich, jede und jeder in seiner/ihrer Form den Zugang zu diesem magischen Punkt der Leere immer wieder suchen – um dort „DIE Idee zu  packen“, um zum wahren Kern vorzudringen.      

Tag 10, 06. 05. 88, Fribourg,

Ausruhen in Fribourg. Die Stadt zeigt sich gut: Alte Viertel, die gut bewohnt und eben nicht wie an anderen Orten mit Geschäften und Büros vollgestopft sind, viele kleine Beizen, Kirchen, der Floh- und Gemüsemarkt und stille Gassen sind anzutreffen.

Holte am Morgen Gipfeli – wobei sie lange noch keine Konkurrenz für jene von Bachmann* sind – und wir assen fürstlich. Auf dem Markt kauften Tinu und Adriana** für das morgige Muttertagsmahl ein und setzten sich ab. Ich zeichnete erst und besuchte dann das Gasthaus der schillernden Figur „le boucher Corpaato“. An den Wänden kleben seine fleischigen Bilder, von der Decke hängt er selber vielfach porträtiert, z.B. in weisser Weste reitend, auf dem Kopf ein Tableau mit einer – vielleicht – Kuhkeule balancierend. Er selber in der Küche, Würste greifend, mit überhängendem Bauch, markantem Gesichtszug und einer abgeschlappten Kochmütze. Er winkte mir zu, wie einem alten Kollegen. In einer Ecke hängt eingerahmt ein Brief der PTT Direktion. Antwort auf einen Briefmarkenvorschlag zum Jubiläum „100 Jahre Metzgermeisterverband“ – ich glaube, malen kann der gute Mann nicht wirklich, aber er ist originell. In einer Stube neben der Beiz hat er ein Gemälde angefangen. Kopie einer Fotografie figürlich. Von mir aus völlig daneben – weder realistisch noch künstlerischer Genuss. Am besten gelingen so, so scheint mir, nacktes Fleisch, halbe Sauen und reihenweise Schinken.

In der Beiz ein Buch über Tinguely überflogen. Macht mir Eindruck und sehe eine völlig neue Welt. Schön, wie er auf Fragen, die ihm gestellt werden, Antwort gib. „Seit 1945 suchen wir nicht mehr nach bleibenden Werten“, „Ein Mann ohne Arbeit ist wie eine Wurst ohne Haut“…

Mehrmals schreibt er vom Leersein, vom Nichtswollen, vom Nichts. Da fühlte ich Anstoss. Weshalb auch jetzt auf der Reise immer dieses Leistungsdenken – Kilometer, Kilometer. Ich kann doch verweilen, ausruhen, zeichnen und neue Ideen packen, verwirklichen – lebendig sein, LEBENDIG SEIN.

In der unteren Altstadt sah ich einen gezeichneten Kreuzweg von Teddy Aebi – sehr beeindruckend – Tusche, verzerrter Realismus mit den hiesigen Gegebenheiten, ungefähr Mittelalter, gezeichnet 1968.Morgen bin ich alleine hier. Wenn das Wetter es zulässt, zeichne ich Aquarell in der Stadt, dann möchte ich noch Karten zeichnen (Muttertag), meine Route wählen, Briefe schreiben, Rucksack packen, Paket binden und schreiben – welch ein Programm.

*Name nicht geändert. Ist der Name der Bäckerei mit Café, nahe seinem alten Wohnsitz. Dieser Ort war ihm in seinem damaligen Leben sowohl in der Qualität der Backwaren als auch in der Empathie der Bedienung ein wichtiger Ankerpunkt. 

**Tinu’s Freundin

Foto: «Skizze aus dem Tagebuch», gezeichnet im Historischen Museum Fribourg, Statue des St. Jakobus, aus der 2. Hälfte 15. Jahrhunderts

MindWalk 23/32 – Tag 9/3 – Fribourg am späten Nachmittag

Es ist Sonntagmorgen. Früh besucht er das Historische Museum. Holzstatuen aus der Renaissance interessieren ihn. Beim Einlass macht man ihm klar, dass das Museum heute vorzeitig schliesse. Warum, das versteht er nicht. – In den beinahe leeren Ausstellungsräumen findet er die Jakobusfiguren und ist fasziniert vom filigranen Faltenwurf in Holz. Er zeichnet. Über die Lautsprecher wird er aber schon bald aufgefordert, das Haus zu verlassen. Wie er zum Ausgang geht, kommen ihm Menschen entgegen – ein Filmteam, Musikerinnen, Manneqiuns, ein Zauberer und eine Schlangenfrau. Beim Eingang steht gar eine nackte Frau, vor ihr eine Staffelei, hinter dieser ein Maler.

Mit der Zeit versteht der Gehende, dass hier demnächst der Hans-Reinhard-Ring an Emil Steinberger verliehen werden wird und dieser hier im Aufgang zum Festsaal ein lebendiges Museum der aktuellen Künste einrichtet. Mit dem Maler und seinem Modell kommt er ins Gespräch und er darf sich zum Zeichnen auch dazu setzen. 

Immer wieder wird er selber gefragt, wer er denn sei und was er hier tue. Auf die redliche Antwort, er sei zu Fuss unterwegs nach Spanien und mache hier in Fribourg Halt, lacht man über ihn und nimmt seine Aussage als ein Spiel wahr und ihn als eine Kunstfigur. Man nimmt ihn gar mit zum gemeinsamen Mittagessen…

Tag 11, 08. 05. 88, Fribourg

Unerwartet, sehr unerwartet – ich bin jetzt noch erschlagen von den Gegebenheiten und was ich jetzt habe, ist Freude am Zeichnen. Ich weiss nicht, wie lang sie anhält, aber über dem Aktmalen lebte ich auf, vergass um mich alles und obwohl die Ergebnisse nicht Werke sind, so sind sie doch rührend – vor allem die „Fehler“.

Emil Steinberger wurde der Hans Reinhard Ring verliehen. Die Ehrung im Museum für Kunst und Geschichte statt, wo sich eine kulturelle Crème einfand – Hohler, Joris* (gehören zwar nicht zur Crème) und dann eben die Crème, deren Namen ich nicht mehr weiss – irgendwelche Kulturminister und Unterhaltungsschimmer des Fernsehens. Lange Reden hielten sie, vor allem jener des deutschen Fernsehers. Für mich haben Sie ihn zu Tode gejubelt.

Der gute Teil war Emils. Von ihm kam die Idee, den Weg zum Lobhudelplatz mit Kultur zu beleben – Modell, Aktzeichnen, Sketch, Gesang (Vera Kaa), Pantomime, Film, Bilder und eine Galerie abgebissener Äpfel, eine Schlangenfrau, Free Jazz, Kostüme und das alles zwischen den alten steinernen und hölzernen Figuren aus dem Mittelalter. Kunst heute – Kunst damals. Heute nicht mehr aus, zu und für Gott, sondern aus und zu für Leib und Seele. 

Ich schloss mich der Filmequipe an, tat, als würde ich dazugehören und, obwohl ich jedem, der mich fragte, wer ich sei, redlich Auskunft gab, begann bald das grosse Rätselraten. Sie hielten mich für einen Mäzen, irgendeine Figur, die Unerwartetes beabsichtigt. Zum Essen ging ich selbstverständlich mit, aber jetzt, bei der grossen Tafel, da scherte ich aus. Der Club ist mir zu steril, zu edel und im Ganzen auch zu tot. Das, was Emil mit der Kleinkunst einbrachte, wurde übertrampelt durch die Geschalten und Geschniegelten – die zwar sicher auch ihren guten Teil zum Kulturkuchen beigeben.

Mit Martin Ziegelmüller** verstand ich mich sehr gut. Ich werde bei ihm vorbeigehen. Und das Zeichnen: Eine Wonne, zackig, schauen, wählen, pinseln – aah!!

Fotos habe ich gemacht, bin gespannt. Sichtwinkel Kunst, alte – neue, gestern – heute, tot – lebendig!

*Charles Joris ist der Leiter des „Théâtre Populaire Romand“. Der Gehende machte vor vier Jahren in La Chaux-de-Fonds einen Stage, weil ihn die Arbeiten dieser Theatertruppe interessierte.  

**Der Maler. Modell stand Marie-Pierre Béguelin

Aus einem Museum wird ein lebendiger Ort der Künste. Und selbst Tinguely feierte mit...
«Skizze aus dem Wanderbuch» –
Aktskizze im Rahmen der Preisverleihung an Emil Steinberger

MindWalk 23/32 – Tag 10, Orsonnens

Heute erinnert er sich, wie er bei Tinu in der Küche steht und vor dem erneuten Weitergehen jedes Objekt aus seinem Rucksack auf die Küchenwaage legt. Gewicht wird gegen Dringlichkeit und Nutzen ausgespielt, denn er trägt immer noch zu schwer an seinem Rucksack. Was überzählig ist, schickt er in einem Paket zurück an seine alte WG.

Eine Fischerrute fiel der Razzia anscheinend nicht zum Opfer. Ja, das erstaunt heute auch ihn: Er trug eine Angelrute mit sich!

Die Ereignisse von gestern, die Begegnungen und Erfahrungen im Museum, wühlen ihn nach wie vor auf. Die Erlebnisse mit all diesen namhaften und eigenwilligen KünstlerInnen beschäftigen ihn. Auch dass er hautnah mitbekam, wie Emil für sein Werk und sein Engagement für die Kleinkunst im Allgemeinen mit dem höchsten nationalen Kulturpreis geehrt wurde, das rührt eine Frage in ihm an, die er zur Lösung auf diesen Fussweg mitgenommen hat: Wohin entwickle ich mich beruflich, worin liegt meine Berufung? Muss man selber etwas Grosses werden, Wichtigkeit erlangen, bedeutend werden. Oder ist es gesünder, diesem Drang und diesem Wettbewerb auszuweichen? 

Tag 10, Hauterive, gegen Mittag

Am Morgen Hauterive – die Kirche innen ist nichts Schönes – ähnelt mehr einem verstaubten Lagerraum. Ein eigentlicher Baustil ist schwer erkenntlich. Nur weniger Wandmalereien sind schwach erkennbar und sind mit dem Chorfenster zusammen das einzige, woran man sich ergötzen kann. Das Chorgestühl ist auch noch sehr beeindruckend, schwarz, hoch, hinter jedem Platz eine stehende Figur in Holz, grosse Pulte mit acht Büchern.

Orsonnens, am Abend

Am Abend Heute regnerisch, aber kaum richtig geschüttet. Am ersten Höhenzug leerten sich die Wolken ergiebig.

Werde morgen noch etwa 1h haben, bis ich in Romont bin. Hier guter Platz an der „la Glane“ gefunden mit Wochenendhäuschen (Unterstand). Aber das Fischen bringt nichts. Jetzt habe ich zwei „le Parfait“ gespiesen. Die Gegend ist mässig hügelig und von vielen kleinen Dörflein durchsetzt, da wieder mal ein Wald – oh ist der jetzt im jungen Birkenlaub schön, vor allem, wenn die Stämme nass sind, dadurch viel dunkler und geben mehr Kontrast. Hier wieder löwenzahnvolle Wiesen und wenige Äcker. Jedes Weilerchen hat eine Kirche (mit nadelförmigem Turm) und ein kleines, aussenherum meist gut gepflegtes Schulhäuschen.

Ich hatte recht Mühe, wieder ins Gehen hineinzukommen. Die Stadt und der gestrige Tag sitzen mir noch im Blut. Manchmal nahm ich die Umgebung nicht mehr war, weil ich so abwesend war. Am meisten beschäftigt mich der Gedanke daran, dass ich seit der zweiten Klasse berühmt werden will. Die Fachgebiete haben sich mit der Zeit verschoben und ich verdränge diesen Gedanken heute auch und leugne ihn…

Über den Gartenzaun kam ich mit Frau Aebischer ins Gespräch. Bald merkten wir, dass es Mundart besser geht. Sie lud mich zu Kaffee und Kuchen ein, erzählte von ihrem Peter, der an Krebs gestorben war, dass sie erst jetzt Autofahren gelernt habe und wie sie jetzt reisen möchte, aber fast nicht mehr könne. 32 Jahre lang arbeitete sie auf dem Bauernhof. Wie sie mit einer Welschen telefonierte, musste ich herzhaft lachen. Erstens schrie sie in den Hörer, als müsse sie die Distanz mit der Lautstärke überwinden, und zudem hatte sie einen Akzent und Sprachfehler, dass es zum Jucken war. Ihr Französisch war schlechter als das meinige – wie ich mich da zuhause fühlte! Diese halbe Stunde hat mir grosse Freude bereitet. 

Ansonsten bin ich mit Jungen aus dem Dörfchen ins Gespräch gekommen. Ruhig Blut beiderseits und es geht. 

So, es dunkelt, Angel einziehen!

Foto: „Skizze aus dem TB“ – Teil der Zisterzienserabtei von Hauterive

MindWalk 23/32 – Tag 11, Romont

Er scheint wieder im seinem guten Gehmodus zu sein. Zudem kann er seinen Augen Futter geben – im Vitromusée in Romont. Eine Begegnung mit einer Frau, die per Auto ihren Hund spazieren führt (!), scheint erwähnenswert. Sie staunt über den Gehenden und sein Ziel. Kein Wunder, wenn ihr das Gehen selber so fremd erscheint. Und am Ende des Tages macht er eine Bekanntschaft, die ihn noch beschäftigen wird: Er trifft einen anderen Streuner.

Im letzten Abschnitt seines Berichts benennt er eine Erfahrung von Freiheit. Und er weiss, wenn er schreibt „eine davon“, dass es mehrere Formen von Freiheit gibt. Hier lebt er eine. Hat er sich vielleicht im Kern hauptsächlich und deswegen auf den Weg gemacht, um das Thema „Freiheit“ zu erörtern? 

Tag 11, Romont, Nachmittag

Bin im Museum in Romont eingekehrt. Das „Musée de Vitraile“ hat mir Licht gebracht. Besonders ergötzt habe ich mich ob der Lichtorgel.

Die Maschine besteht aus dreimal zwei verschiedenen ornamentierten Glasplatten, die sich durch ein Kettensystem in der Höhe wie auch seitwärts verschieben lassen. Da konnte ich komponieren und beobachten, wie sich Farben durch ein Übereinanderlegen verändern und wie durch die Bleifugen neue Formen entstehen. – Die Sammlung der neuen Scheiben hat mich mehr beeindruckt als jene der alten.

Am Morgen hat mich der Kuckuck immer wieder geweckt. Doch zum Aufstehen war ich noch nicht reif. Erst die Krähe, die schwarze, holte mich aus dem Sack. Beim Morgenessen erfreute mich ein Eichhörnchen. Ein allerseits positiver Anfang. 

In Rue, gegen Abend

Zwischen Romont und der Kapelle – auf einer Tafel vor einem Rasenplatz stand: „Für Pilger reserviert“ –, als ich das grosse Glücksgefühl des Gehenden in mir hatte, begegnete mir eine Frau im Auto, ihr Hund voraus, den sie so spazieren führte. Sie hielt an. Als ich nach ihrer Frage meine Absicht bekanntgab, fiel sie aus allen Wolken und musste partout zwei Fotos von mir und mit Hintergrund Romont schiessen. Ich musste herzhaft lachen. 

Jetzt, in Rue, hechelt es hinter mir. Ein zottiger, überaus lebendiger Hund ist mir nachgelaufen und ich bin schon drei Dörfer weiter. Zum Glück habe ich die Nummer der Besitzer gefunden. Ich läute gleich nochmal auf.

Zu erwähnen ist noch der gestrige Abend. Er war, oder ich fühlte das, was ich die grosse Freiheit nenne (eine davon). Der Bach, der Wald, das Kuhgebimmel, redlich gute Esswaren, ein Feuer, meine „Schnöregiige“ und keine Sorgen – physisch geht’s mir ausgezeichnet, psychisch bin ich oben, materiell nichts zu beklagen und einen guten Schlafplatz hatte ich auch.

Fotos: „Skizze aus dem Tagebuch“ Romont
Im Teaser: Tagebuchseite, Textpassage mit eingeklebtem Blatt

MindWalk 23/32 – Tag 11/2, Rue

Alleine Reisen ist eine Herausforderung. Was man damit aber gewinnt, ist eine unverfälschte Wahrnehmung seiner selbst. Gelingt etwas, hat es meist mit einem selber zu tun, wird es schwer und zäh, kann man niemand andres dafür verantwortlich machen, als sich selber oder die Situation, in die man sich eigenmächtig hineinmanövriert hat. Und wenn jemand schon die „Freiheit“ untersuchen will, was der Geher anscheinend mit seinem „Longwalk“ tut, dann macht es Sinn, alleine loszuziehen.

Jetzt aber taucht dieser Hund auf und bietet ihm seine Freundschaft an. Nicht nur das: Er ist ihm gar etwas wie das tierische Ebenbild seiner selbst, das ausgelebte Gefühl seiner eigenen Reise- und Entdeckerlust. Dieses zottige Spring-ins-Feld-Wesen lebt ihm unverblümt seine eigenen Freude vor am Aufbrechen, Unterwegssein, Entdecken und Streunen. – Schlägt er dieses Angebot nun aus oder schliesst er mit dem Zottelwesen eine Reisepartnerschaft? Welcher Entscheid schafft ihm die grössere Plattform für seine Freiheit? Denn das Alleinesein alleine bringt noch keine Freiheit – im Gegenteil. Das weiss er.

Wie er zum Schluss in seinem Elend sitzt, singt aus dem Radio Renaud Séchand. Vivi machte ihn mit diesem französischen Rockbarden bekannt. Seither liebt er seine engagierten, aufmüpfigen, robusten und liebevollen Songs, trotz des schwer verständlichen Patois. Und wenn er ihn hört, denkt er unweigerlich auch an sie – an Vivi. – Welches Lied wurde wohl gespielt – «dès le vent soufflera»?

Tag 11/2, Rue, gegen Abend

Bei Edgar und Melinda bin ich einquartiert und werde im Schulzimmer schlafen. Sie beide sind sehr nett. Er ist gehetzt, nervös und immer unruhig, so dass er beim Autofahren stets zur Handbremse greift, obwohl er sich schon zehnmal versichert hat, dass er sie lockerte. Er ist Lehrer, wohnt schon seit 10 Jahren im Schulhaus und ist Vorsteher der Kirchenpflege, erteilt Kurse für Laienkleriker und versucht seine Taten dahinzubringen, wo seine Worte gross sprechen. Ich hoffe, dass er nicht findet, die Arbeit für die nächsten zehn Jahre sei getan, indem er mich aufnimmt. Das ist aber nicht meine Sache – ich bin ihm dankbar, regnet es doch draussen Bindfäden und der Hund ist nach wie vor bei mir.

Ich weiss nicht, ob ich ihn mitnehmen soll. Obwohl ich zweimal und Edgar einmal telefoniert haben, konnten wir die „Chefs“ nicht erreichen. Das Tier hat einen guten Charakter und ist natürlich. Daher passt er mir gut. Dennoch wird er mir meine Freiheit einschränken, und darob fürchte ich mich – er braucht Essen, er muss schlafen, er hat einen Rhythmus und fordert meine Aufmerksamkeit. Wenn ich ihn geschenkt bekomme, gut. Aber vorerst versuche ich nochmals, zu telefonieren.

Zwei Stunden später, in der Dorfkneipe

Leider habe ich telefoniert und man kommt ihn holen. Ich mag ihn sehr gut und hätte ihn doch gern bei mir. Anscheinend würde es ihm auch gefallen, denn sonst wäre er nicht mitgekommen.

H. A. Sigg hat gute Bilder gemalt, „Fluss im Mondschein“

Eine weitere halbe Stunde später

Sie hat ihn geholt – eine schöne Frau! Und ich habe Tränen in den Augen. Es schmerzt, obwohl der Hund und ich uns erst einen halben Tag kennen. Hoffentlich hat er es gut. So lebendig wie er war. Er juckte auf, wenn ich meinen Sack packte und tänzelte um mich herum

Augustine, heisst sie.  Der Hund ist eine Hündin. Und zum Schluss drückte sie mir nochmals die Schnauze auf die Schenkel, dazu den treuherzigen Blick… War es wohl gut? 

Die Frau meinte, ihr Herr hätte Selbstmord gemacht, wenn er Augustine nicht mehr hätte. Ob das wohl wahr ist? – Jetzt kann ich die zwei Kilo Fleisch, die mir der Metzger gegeben hat, wegwerfen. Gut, der Hund mochte es sowieso nicht. 

Gram, Gram! Tut gut, Renaud singt hier in der Beiz und ich habe geschrieben – dem Besitzer des Hundes, an Tinu und Adriana und an Annrea. Bin gespannt, wie Annrea reagiert, denn ich fragte sie nach einem ihrer Tagebücher.

Foto: «Augustine» – Skizze aus dem Tagebuch

MindWalk 23/32 – Tag 13, Montheron, später Vufflens-la-Ville

An die Frau, welche Augustine abholte, erinnert er sich heute noch. Sie war nicht nur schön, sie war wunderschön. Am liebsten hätte er wohl Frau und Hund mitgenommen. Wenn er da „Gram, Gram!“ schrieb gestern, dann gehen ihm diese ganzen Szenen und sein Entscheid von gestern heute auf Schritt und Tritt nach – wie Augustine zum Beispiel gestern tatsächlich über eine Stunde auf ihn im giessenden Regen sitzend wartete, ohne zu jaulen oder zu bellen, bis er wieder aus dem Schulhaus kam. Jetzt ist er wieder alleine „auf der Socke“ und trauert nun dem nach, was sein Entschied fordert.

Eine kleine erste Erfahrung lebt er, wie es sein würde, wenn er dann das erste Mal den Atlantik sähe, ihn zu Fuss erreicht haben würde, ihn erblicken täte, nach dem langen Marsch. Jetzt ist es der Lac Léman, als erste Erfahrung, immerhin. So eindrücklich, dass ihm dafür ein biblisches Zitat nicht zu schade zu sein scheint.

Tag 13, Kloster Montheron

  • Kloster Montheron, nicht mehr existent – 1536 (Reformation) aufgehoben.
  • Alle weiteren Zisterzienserkloster der Schweiz:
  • Baumont 1123 – 1537
  • Hauterive 1138 – heute
  • Montheron 1138-1536
  • Frienisberg 1138-1528
  • Hauterêt 1143 -1537
  • Kappel 1185 – 1527
  • St Urban 1194 – 1848
  • Wettingen 1227 – 1841
Foto: «Montheron» – Skizze aus dem Tagebuch

Ich kam in die Stadt, des Weiten von hier, gestellt mich auf dem Platz und hinter mir das Denkmal des Helden des Vaterlands dessen Name eines jedem bekannt.

Quelle heute nicht mehr bekannt

Wollte Lausanne grossräumig umgehen und tat dies dann auch – tausendschrittig ging ich zweimal um hundertachtzig Grad in die falsche Richtung. Gegen Abend sah ich dann doch von der Höhe ob Mex den Lac Léman, Moses ähnlich, der ins gelobte Land blicken durfte. Ich hoffe, dass ich im Gegensatz zu ihm zumindest an seiner Küste ankommen werde. – Inzwischen habe ich auch mit Hilfe dieser mühsamen Erfahrungen gelernt, mit der Sonne zu gehen, mich zu orientieren. Manchmal dachte ich an Augustine und stellte mir den Tag mit ihr vor. Was wäre anders gewesen? Wie wäre die Begegnung mit dem grossen, schwarzen Hund verlaufen? Hätten wir ihn überhaupt getroffen?

Ich erinnere mich, wie ich ihm gestern Fleisch gab. Er mochte es nicht. Um mich aber nicht zu kränken, packte er ein Stück, behielt es in der Schnauze, kam mit mir und legte es in einem unauffälligen Augenblick hinter einem Auto ab. Ja, wir hätten uns gut verstanden. Pflotschnass war er, als ich vom Nachtessen zurückkam. Das Gewitter ertrug er geduldsam vor der Tür des Schulhauses.Es schien mir heute, ich ginge, um all diese guten Gedanken aus mir herauszustampfen. Als ich heute auf der Höhe über dem Lac Léman stand, sah ich einen Zwinger mit vielen kleinen Hunden. Auch an ein Pferd denke ich viel. Das wäre jetzt ein ganz neues Erlebnis. Aber bis ich dazu komme, brauche ich noch einen grossen Schritt zu tun. Bei Chalet à Gobet wimmelt es von Pferden und einige Villen mit Weiden, von weissen Holzzäunen umrandet, waren anzutreffen. Ich schaffe es nicht, Gedanken des Tages niederzuschreiben. Was kommt, scheint mir jetzt aufgesetzt.

Foto: «Vufflens-la-Ville» Skizze aus dem Tagebuch

MindWalk 23/32 – Tag 14, Tag Villar sous Yens, später Rolle

Heute zeichnet er zuerst Störche, später einen Soldaten. Erst hört er zu, wie die Störche klappern und auf einem Bein balancieren können, später dann sieht er Menschen in militärischer Ordnung, in hörigem Gehabe und steifer Feierlichkeit. Dies provoziert ihn. Der Individualist trifft also auf das Genormte, auf das Uniformierte, auf das Hierarchische. Das jugendliche Ideal der Gewaltlosigkeit prallt auf das staatliche Manifest, eine Nation müsse militärisch zu verteidigen sein. Der Gehende fühlt sich provoziert, was ihn selber zum Provokateur werden lässt – der kleine Wanderer gegen das Bataillon. Und so pfeift er sich hinein in die eigentümliche Hörigkeit dieser militärischen Feier. Er steht da und trällert ein Liedchen: «Monsieur le Président, je vous fais une lettre, que vous lirez peut-être, si vous avez le temps». Dieses Chanson von Boris Vian kennt er sowohl im französischen Original wie auch in der schönen Mundartübersetzung von Franz Hohler. Von der Rede, die da aus schlecht gepegelten Lautsprechern hallt, versteht er wohl wenig. Aber er erkennt am Ton, lotet im Gesamtbild aus, fokussiert in den einzelnen Gestalten und durch ihre Ausstrahlung, dass da – aus seiner Sicht – viel nicht stimmt. Und er stellt seine mickrige Position dagegen: Wie er einfach da an einen Baum lehnt, mit seinem Sack am Rücken und dem Stock in der Hand, konterkariert er mit seinem Pfeifen die Ehrung des Brigadiers oder Divisionärs. 

Zudem ist jener kurze Kontakt spannend – vielleicht ist er ein Oberstleutnant -, der den Gehenden mit seinem Augenzwinkern, mit Respekt und in seiner sympathischen Art anerkennt, ihm aber mit einem Schmunzeln auch zu verstehen gibt, dass sich Haltungen und Meinungen ändern können und, dass dieses Pfeifen ja vielleicht auch eine Art von Kampf sein könnte…   

An diese gesamte Szenerie meint sich der Gehende heute noch erinnern zu können und glaubt zu wissen, wo dieser Festakt samt Militärmusik stattfand. Er behauptet, den Platz in Rolle innerlich noch sehen zu können, samt dem historischen Gebäude, den Bäumen – es könnten Platanen sein – und dem nahen See. Er denkt, er würde ihn gar heute wieder finden, diesen Platz, obwohl er nie mehr da war. – Und dann aber, beim vierten Nachsinnen, taucht eine andere Erinnerung auf, ein Erlebnis, das er Jahre später machte, als er schon Vater eines Mädchens war und zusammen mit seiner Partnerin in Rolle übernachtete. Bei einem Abendspaziergang kommt er zu diesen Platz und erinnert sich an die Begegnung mit den Militärs.

Ein Teil der Erinnerung wurde also zwischenzeitlich aufgefrischt – und heute, mit diesem Tagebucheintrag, ein weiters Mal aufbereitet.   

Tag 14, Villar sous Yens, am Mittag

Störche

Junge im Nest, klappern ebenfalls

Riesen-Spannbreite, ca. 160 cm, Schnabel 25 cm

Sie putzen sich feinsäuberlich. Dass sie sich nicht stossen, mit ihren spitzen Klapperwaffen!

Gute Balance

Rolle, am Abend

Das Militärfestchen, irgendeine Abdankung für einen Nundelmann*, sitzt mir noch in den Gliedern. Ich fand es sehr peinlich – so leblos, so freudlos, tot. Die guten Herren brachte ich aus der Fassung, weil ich friedlich an einen Baum angelehnt pfiff (le déserteur). Da schickten sie den Polizisten und sagten ihm, er soll da den Mann nach der Identitätskarte fragen. „Der Mann“ aber gab erst nur den Pilgerausweis. 

Das genügte nicht. Nach dem rechten Fetzen (Anmerkung: dem Zeigen der Identitätskarte, die aus Hartpapier war) riet er, die „célebration“ nicht zu stören, sonst „stehe es nachher da drin“. Als ich nachfragte, verbesserte er sich und meinte, sonst müsse er mich vom Platz schicken.

Witzig, einer, der vorne stand, ein Dreinudelmann*, kannte die Melodie und kam nachher zu mir und lachte. Er meinte, diese Epoche habe er auch durchgemacht, jetzt aber stehe er eben wo anderes – leider verstand ich nicht seine ganzen Ausführungen. Der «Bekränzte“ war der hässlichste – steif, eiskalt – vielleicht muss man so sein, wenn man täglich mit dem Tod zusammenarbeitet. Aber auch die Leutnants – alles schreckliche Typen, vollgefressen oder spindeldürr, mit einem Gang wie Bewegungsgestörte – brrr. – Bei der Militärmusik ist einer dabei, der Flötist, ellenlag. Er gibt ein köstliches Bild ab.

*Mit „Nudelmann“ oder „Dreinudelmann“ meint er wohl einen Oberst, der „Bekränzte* mag Brigadier oder Divisionär sein

«Soldat» – Skizze aus dem Tagebuch

MindWalk 23/32 – Tag 15, Rolle

Riz Cazimir muss ihm etwas gelten. In Iseltwald gab es schon einen Eintrag, wo er dieses Gericht erwähnte. Damit feiert er also nun sein Jubiläum, zwei Wochen auf der Sohle.

Wieder wird eine Nacht beschrieben,  wo wir sehen, wie er nächtigt. Bei gutem Wetter legt er sich irgendwo draussen hin. Er sucht aber sonst auch irgendwelche Schober, Dachvorsprünge, Baustellen oder freut sich, wenn er beherbergt wird, was leider immer seltener vorkommt. Denn seit Fribourg gibt es keine Bekannten mehr, bei denen er rasten könnte. Er gerät nun zusehend in die Fremde. Auch die Landesgrenze wartet auf ihn.

Körperliche Leiden beginnen ihn nun langsam auch zu plagen. Ja, jeder nimmt sich auf jede Reise, die er tut, selber mit. Damit auch die eigenen Schwachstellen. Als Allergiker beginnt der spriessende Frühling im Mühe zu machen. Auch das Gehen scheint ihn nicht mehr so richtig zu erfüllen. Und auf die Stadt Genf scheint er gar keine Lust zu haben. 

Tag 15, Rolle

Ich feiere mein Jubiläum – 2 Wochen auf der Sohle – mit Henniez, Riz-Curry und einem Kaffee. Dabei denke ich schon, wo ich heute Nacht schlafen könnte. Die letzte Nacht lehrt mich, ein Dach zu suchen. Ich legte mich bei der Kirche unter die Linden und schon bald spürte ich feinen Regen. Ich packte zusammen, zog in einen Neubau und irgendwann in der Dunkelheit weckte mich das Rauschen des Gewitters. Dadurch geweckt, verspürte ich Durst, suchte einen Wasserhahn und fand im Keller eine Flasche Henniez – Glück. Ich wurde erst spät wach und stand um neun Uhr auf dem Dorfplatz – es ist heute Christi Himmelfahrt, sonst hätten mich die Arbeiter geweckt. Gestern marschierte ich bis Vufflens-le-Chateu über Teer und am Anfang wieder total verkehrt. Zum Glück bemerkte ich es gleich, als ich aus dem Wald trat. Aber Spass machte das Gehen nicht. Nur am Mittag, nach Aubonne durch die Reben, das war schön. Aber zu viel Mühsal, obwohl die äusseren Bedingungen gut waren. Am Abend schien die Sonne sogar klar. 

Mein Atem, meine Hände und die Gelenkbeugen reagieren auf irgendeinen Staub – wahrscheinlich ein Gras und der Schweiss reizt im Ellenbogengelenk.

Wo verbringe ich wohl den Sonntag? Da möchte ich ihn Frankreich, aber an einem schönen Ort oder Platz sein! Ich würde wieder den Kasten (Aquarell) zücken und malen – aber wohl andere Motive.

Morgen mit dem Schiff nach Genf – Stadt phuh! Entweder ich steige früher aus, dann kann ich mich aber nicht über die „GR“* informieren, oder ich nehmen in der Stadt den Bus.

*Er weiss, dass es in Frankreich die «GR» gibt, Wanderwege. Und er hofft, einen solchen markierten und kartografierten Weg zu finden, der ihn ab der Grenze in Richtung Le Puy führen wird.

Karte mit Route und Stationen

MindWalk 23/32 – Tag 15B, Zwischenhalt

Zwei Wochen ist er jetzt unterwegs, sind wir unterwegs mit ihm. Zeit, wieder einmal eine Rast einzulegen.

Stimmen von aussen: Feedbacks, die mich per Mail erreichten

Schön, mit dir unterwegs zu sein. Deine Aufzeichnungen – eine gelungene Mischung von akribisch gezeichneten Landschaftseindrücken und deinen begleitenden Gedanken – gefallen mir ausserordentlich gut. Die Tage sechs und sieben bin ich besonders eng mit dir gegangen, Lungernsee, Brünig, Giessbach, der Iseltwaldtunnel, die kitschig verunstalteten Beatushöhlen, all das weckt sentimentale Gefühle in mir. Überhaupt werden in diesen Tagen nebst persönlichen Beziehungen, die wir ja dank Whatsapp, Skype, Facetime etc. ziemlich gut aufrechterhalten können, auch Orte plötzlich ganz wichtig. Wo würde ich jetzt hingehen wollen, wenn ich könnte?
Jedenfalls fand ich es gerade ganz schön mit dir in meiner Herkunftsheimat zu verweilen, habe gerade das Hotel Giessbach vor meinen Augen… Danke für deine schöne Idee, freue mich auf die Fortsetzung der Reise.                   D. B. in L.

Ich bin erst bei Tag 2, da der Corona-Alltag anstrengend ist. Aber ich werde weiterlesen: Finde es ist das Beste, was ich bisher über den Pilgerweg gesehen habe.                      S. R. in B.

Danke, lieber Hannes Leo, muy interesante 🙂  E. W. in Z.                                                      

Ich habe vor zwei Tagen auch reingelesen und der Blog gefällt mir sehr.                   C. M. in R.

Ich gehe sehr gern diesen Weg mit. Nicht alles verstehe ich, sicher auch aus meiner kulturellen Prägung als Nicht-Schweizerin heraus. Aber das macht nichts. Ich sehe einen Menschen, der sich auf den Weg macht, losgeht. Ein vages Ziel vor Augen hat, aber noch keine Ahnung, wohin er (innerlich) kommen wird und wie. Trotzdem Schritte wagend, sich inspirieren und verändern lassend von dem was ihm begegnet. Seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Lebendigkeit suchend und dem nachgehend. – Das inspiriert mich, weil es meinem eigenen Vorwärtstasten entspricht. – Sich auf die Spur zu kommen, spürend was gut ist für einen, das muss man in einem Timeout, selbstgewählt oder fremdbestimmt, erst ganz neu lernen. Alte Muster funktionieren nicht mehr. Und auch, was man längst schon einmal erkannt hatte, muss neu erprobt werden. Immer wieder. Danke fürs Mitgehendürfen.  K. G. in B.                                                               

Ich bin gerade daran, deinen MindWalk zu lesen, viele Dank dafür! Hatte den tab geöffnet, er blieb dann aber einige Zeit ungelesen offen, auch weil ich aktuell bisschen viel am laptop sitze. Ich bin irgendwo quer eingestiegen, habe dann aber gemerkt, dass ich doch lieber von Anfang an lese. Danke für die Texte, sehr bereichernd und anregend.                                     V. H. in L.

oh ja, jetzt bin ich grad über meine (Pseudo)-Namens-vetterin gestolpert                                           V. H. in L.                                                                                                                


Schöner Zufall, ich bin zur Zeit am Schreiben meiner Lebensgeschichte. Da kam gerade zur rechten Zeit Dein Memo zum Fribourger Tag. Hast Du gut gemacht, diese Art von Tagebuch. Ein guter Zeichner bist du ja auch noch dazu. 
Ich wünsche Dir viele erfolgreiche Momente in Deinem interessanten Leben.   Emil (Steinberger) und Niccel in B.

Dein Tagebuch, und wie es jetzt daher kommt: Erste Sahne! Da kann noch viel daraus werden. – Angerührt hat mich jene Stelle, wo du vom «berühmt werden» schreibst. Das ist ein spannender Punkt, den ich auch kenne. – Wie findet man zu seiner eigenen Gestalt, wie erfährt man überhaupt die eigene Existenz. Aber es wartet da auch Narzissmus, Wettbewerbsdenken, Besser sein müssen als andere, … auf einen. Jedoch eine eigene Bedeutung zu haben, das ist wichtig, zwingend sogar, auch schon früh, denn sonst kommt man nicht mal über die ersten Trennungsängste hinweg. M. S. in N.

Wenn ich dein Tagebuch lese, kommen mir diese Zeilen von Johannes Scheffler in den Sinn: «Mensch, werde wesentlich!» – Ich habe den Eindruck, dass dies noch mehr das Ziel des Wanderns gewesen sein könnte als Santiago. Du hast dich ausgesetzt, hast dich aus der formenden Umgebung herausgenommen, um zu erfahren, was dich ausmacht. – Und auf dem Weg erscheinen Begegnungen und Entscheidungen schicksalhaft, da sie dir etwas über dich zeigen, da ihre Folgen unmittelbarer spürbar sind und du dich ihnen mehr auslieferst als in der alten Umgebung. Diese Herausforderung will man ja, wenn man loszieht: Schicksal, hier bin ich! Wesen, zeige dich! Deine bisherige Welt hast du hinter dir gelassen, viel Äusserliches bleibt zurück, ein Kern könnte zum Vorschein kommen!? In ihrer Kürze passen die Einträge gut ins Netz.   S. R. in B.   

MindWalk 23/32 – Tag 15C, Zwischenhalt

Dieser Eintrag gehört den Bildern. Und zwar jenen, die er mit seiner kleinen Fotokamera machte, am Sonntag in Fribourg im Museum. Er ging ja dahin, um Holzstatuen aus der Renaissance zu sehen. Und die Fotos zeigen nun, was er danach auch noch antraf und was ihn zu faszinieren schien: Die Dualität wischen „alt“ und neu, restauriert und aktuell, religiös und weltlich, statisch und bewegt, die Zeit überdauernd und spontan, gottgeweiht und sündhaft, ernst und ironisch, konserviert und zu befördern, himmlisch und irdisch, sakral und erotisch, überliefert und aktuell, wegweisend und anziehend, gelobend und verführend, beruhigend und irritierend, mahnend und verbindend… Er fotografierte auf seiner ganzen Riese an keinem Ort und in keiner Situation so viele Fotos wie während dieser durch Emil Steinberger initiierten Aktion – ausser ganz am Schluss, als sein Weg im schwappenden Meerwasser des Atlantiks verschwand. Die Bilder im Aufgang zum Festsaal, wo die Preisverleihung stattfand, scheinen ihn zu berühren, vielleicht in jenem «Etwas», weswegen er sich auf den Weg machte.

Hinweis: Fotografieren war damals ein Prozess, wo man ein Sujet aussuchte und dann ein Bild «schoss». Denn mit einem eingelegten Film konnte man entweder 24 oder 36 Bilder machen. Dann schickte man die Filmkapsel mit dem belichteten Filmstreifen ein oder brachte sie ins Fotofachgeschäft. Nach frühestens einer Woche konnte man dann die Abzüge – also die Fotos – abholen oder sie wurden einem zugesandt. – Heute «schiesst» man unzählige Bilder und wählt dann von all denen das Eine aus, das Beste, um es dann noch zu bearbeitet.

Bilder vom 8. Mai 1988

Anhand der obigen Liste vermag man erkennen, wer auf welchem Bild abgelichtet ist…

MindWalk 23/32 – Tag 16, Rolle, Nyon, Genf, Bernex

Er nimmt die dritte Gehwoche in Angriff.

Ein Bild, das ihm bis heute beleibt: Livriert und mit weissen Handschuhen, ein Silbertablett auf der einen Hand, steht auf dem Balkon einer Protzvilla ein Butler neben seinem Herrn, dieser fast wie in Wachs gegossen. Zwei Lebenswelten blicken sich da in die Augen, der im Dienst und der «andere». Gerne hätte der Gehende gewusst, was der Livrierte dachte, als dieser ihn sah – über den Rasen des Herrn gehend, den Weg über den Besitz, der Villa gehend, mit Stock und Hut und sac à dos… dem Süden zu.

Alles weitere erzählen die Einträge…

Rolle, am Morgen

Freitag

Jetzt hat’s mich verhauen – bin in Ruhe aufgestanden, Kaffee + Croissants, aquarelliert am See, jongliert und auf das Schiff gewartet – das nicht kommen wird. Heute fährt ab Rolle keines. Ich hab das ✝-Zeichen übersehen. Nun denn, muss ich eben wandern. Das Ausruhen tat gut. Ich hoffe, es gebe einen Seeweg und ich gelange heute nach Genf – ein weiter Weg!

Skizze aus Tagebuch: «Jean-Luc’s gut gemeinter Plan»

Auf den Schiff nach Genf, am Mittag

Dieser Plan ist von Jean-Luc und weist mir den Weg zur Jugendherberge. Dabei will ich aber gar nicht dahin. Ich denke, dass ich noch heute den Bus nehmen werde, um der Stadt zu entfliehen. Schade, ich konnte seine Grosszügigkeit gar nicht echt erleben. Ich bin abwesend. Er reiste schon dreimal im Osten und will wieder nach Nepal, vielleicht für’s Leben. Gastfreundschaft zu zeigen, das habe er dort gelernt.

Die Augen beissen – geht das wirklich – und die Nase ist verstopft. Er liegt etwas in der Luft.

Von Rolle ging ich der Hauptstrasse entlang. Welch tötendes Wandern. Dann aber stach ich zum See hinunter, wo ich auf dem schmalen Pfad der Zöllner immer dem Seeufer folgte, durch die Gärten der Habenden, an den Villen vorbei. An einem Sonnenplätzchen servierte ein Kellner seinem Meister – leider bin ich nicht so frech gewesen und habe mich dazugesetzt – aber der Butler rastete schon durch meine Anwesenheit fast aus. Der Herr sagte nichts, sass nur da und trank Kaffee – und später kam ich zu einer Villa, die renoviert wird: In höchstem Grade alt-neu. Zum Beispiel mit Kupferbadewanne mit Messinghahnen, alte Möbel, Rusticoboden – echt alt, eingeführt -, Bogenfenstern, rauhe Mauern… Ein Möbelschreiner (ébeniste) arbeitet dort schon seit einem Monat und noch andere Drei verdienen da täglich ihr Brot. Der «ébeniste» erzählte mir von einem Kollegen in den Cevennen, der Schlösser kauft (bis jetzt 2) und sie dann ausbaut.

Bald kam ich dann auf den Golfplatz, den ich überquerte und zur Strasse zurück müsste. Ein Bier und ein wunderbares Sesambrötchen wie auch ein Cornet-aux- choco-raisins retteten mich bis Nyon. – Schöne Altstadt mit Schlösschen. Besuchte die Ausstellung nicht, da der Eintritt 5.- kostete und ich aber nur eine Stunde Zeit hatte. Dafür lernte ich Jean-Luc kennen.

Bernex, am Abend

In Genf bin ich mit dem Schiff angekommen, habe von «èbeniste» via Telefon die Adresse des Château-Typen eingeholt – war eine Zangengeburt, weil ich nicht zu schreiben wusste – und bin nach einem Stück kreuz und quer gehen in den Bus gestiegen – nicht bezahlt – und nach  Bernex gefahren. Hier fühle mich gut – weg vom Rummel, im „le signal“. Morgen geht es über die Grenze und ich denke, einen guten Rastplatz zu wissen, über der Rhône, ein Schloss, auf das mich Jean-Luc hingewiesen hat.

Es ist erstaunlich, wie das Gefühl der Leere und Einsamkeit, somit eine Müdigkeit und ein Loch kommt, in das ich fast bodenlos falle und doch plötzlich wieder ungeahnt Boden finde und wie von Geisterhand in eine gute Welle gehoben werde. Ob das mein Naturelle ist?

Statistik aus pilgern.ch

MindWalk 23/32 – Tag 17, Grenzübertritt

Er nimmt die dritte Woche in Angriff. Weitergehen! – Heute vor sechs Jahren, also bevor er sein Tagebuch unter dem Dach und wieder aus der Schachtel hervorholte, schrieb er erinnernd an diesen Grenzübertritt die folgende Zeilen:

«In meiner Erinnerung habe ich – jetzt nach 26 Jahren – noch ein klares Bild vom Grenzübertritt. Den Zoll überquerte ich bei Chancy, vollkommen unspektakulär. Niemand wollte meinen Pass sehen, keiner fragte, wohin ich ginge, nicht einer argwöhnte, was ich da in meinem Rucksack trüge und wohin ich mit all dem ginge. Ich wanderte einfach hinüber, zu Fuss von der Schweiz nach Frankreich, an einem etwas erbärmlichen Zollhäuschen vorbei. So hatte ich mir das nicht vorgestellt… Ich war ernüchtert, dass mich niemand kontrollierte. Dies hätte mir, – so erinnere ich mich jedenfalls -, das Gefühl gegeben, wirklich die Grenze übertreten zu haben. Aber keine Nase war zu sehen. Ich spazierte einfach über den Zoll! – Das wäre ein Markstein gewesen: Im Austausch mit diesem uniformierten Menschen hätte er oder sie seines oder ihres Amtes gewaltet und damit beglaubigt, dass ich nun wirklich ein neues Land betrete. Dieser Akt hätte mich dessen auch gewürdig, unterwegs zu sein. Man hätte mich gefragt, woher ich komme und meine Antwort staunend mit einem «Tatsächlich!?» quittiert. Ich aber erinnere eben einzig dieses trostlose Zollhaus, eine langgezogene Kurve oder vielleicht auch eine Brücke. Da mir die Passkontrolle fehlte, suchte ich nach expliziten Zeichen, die mir beweisen würden, dass ich nicht mehr in der Schweiz bin. Die Art der Strom- oder Telefonleitungsführung war mir dann das erste Signal: Masten aus Holz, mit einem unglaublichen Gewirr und Geknüpfe an Kabeln und Drähten, die sich mehr oder minder vertikal stehend über das Land hinzogen, waren mir Indiz genug. Luftschnüre von da kommend, dahin gehend, immer den nächsten noch krummeren Masten suchend, dies konnte nicht mehr die Schweiz sein.

Sonst aber bleibt mir für den gesamten Weg zwischen Genf und Le Puy wenig an Erinnerung. Ich denke, diese circa vier Tagesetappen waren vielleicht auch nicht so spannend. Einfach Leere, keine weitere Erinnerungen, nix mehr bis kurz vor Le Puy: Ausser jene Nacht auf dem Ginsterberg! Wow! Die aber leuchtet förmlich wieder vor mir auf in mir… Aber sonst: Nichts! Einfach Leere.» Erinnert am 18./21 November 2014 

Wenn wir nun den Text aus dem Tagebuch von 1988 lesen, dann kommen Fragen zum Thema «Erinnern» auf. Und das ist gut so…

Des weiteren werden wir morgen noch erfahren, was es mit den «vier Tagesetappen bis Le Puy» auf sich hat – dies ebenso zum Thema «Erinnerung».

Samstag

Die Grenze überschritten und wohlbehalten, aber mit brennenden Füsse in Bellegarde angelangt. Das französische Wandern habe ich schon kennenglernt – entweder Strasse, oder ein Wagnis und dann landet man meistens im Dschungel. Ich musste sogar einmal den Rucksack von Hand schleifen, damit ich durchs Weissdornunterholz mochte. Eine 100’000er Karte ist eben kein Wanderplänchen. 

Für morgen habe ich – zumindest heute noch – Lust zum Gehen. Vielleicht verbringe ich so meinen Sonntag arbeitend. 

Auf Fort l’Ecluse zu schlafen war nichts, weil der Weg da hinauf sehr lange ist und ich kein Getränk und kaum Esswaren – ausser dem stinkenden Käse – bei mir hatte. Jetzt jedoch konnte ich am Bahnhof noch Geld wechseln. Und dann noch einkaufen. Am Zoll schrieb ich noch Karten an alle nächsten Verwandten.

Gestern in Bernex: Gewitter und danach sicher eine lange Stunde einen Schlafplatz gesucht. Habe dann einen Neubau gefunden. Gut, aber gipsig geschlafen.

Vielleicht habe ich einen weiteren Deckel abgehoben, denn heute, je älter der Tag war, desto besser fühlte ich mich. Meine Gedanken kreisten meist um das Thema „Freiheit – die Freiheit, die ich meine“ – als Name für ein Gefühl, das in bestimmten Situationen entstehen kann. Ich bin auch am Hirnen, wie ich spinnen lernen kann, d.h. einen Faden aufnehmen und an ihm weiterdenken, dass daraus eine brauchbare Kordel wird, mit derer Vielen man sich endlich ein Gewand stricken kann. Meiste denke ich im Kreis, zupfe hier etwas Wolle und drehe da ein bisschen herum…. Hoffentlich finde ich einen guten Platz zum Schlafen.

Foto vom Aufgang zum Estrich,
wo die Schachtel mit den Tagebüchern
über die Jahrzehnte lagerte

MindWalk 23/32 – Tag 18, Cruz, Seyssel

Hier also zu den «vier Tagen bis Le Puy»:

Als er sich vor sechs Jahren für ein Schreiben der ihm noch verbleibenden Erinnerungen hinsetzte – eben ohne jegliche Stütze durch Tagebücher oder Landkarten -, dachte er, er hätte die Wegstrecke zwischen Genf und Le Puy in ungefähr vier Tagen zurückgelegt. In Wahrheit aber war er geschlagene zwei Wochen unterwegs.

Waren denn die ganzen Erinnerungen weg? – Ja, viele. Erst heute kommen in ihm durch die Tagebucheinträge und Skizzen wieder Bilder, Gerüche, Töne, Geschmäcker, Gefühle und Stimmungen auf, und gewisse Szenen werden für ihn wieder «greifbar». Andere Begebenheiten oder Begegnungen aber bleiben trotz der Einträge anekdotisch, so, als hätte sie jemand anderes erlebt; sie scheinen für das eigene Ich verloren im Zeitenfluss der letzten 32 Jahre.

Ein weiterer Umstand zeigte sich zudem noch: Gewisse Erinnerungen sind zwar «noch da gewesen», aber sie liessen sie zeitlich und örtlich nicht mehr situieren. Weil ihm die geografischen Verhältnisse in Frankreich nicht wirklich geläufig sind, und weil es während dem Gehen keine Chronologie der Personen oder Orte gab – da war täglich Aufbrechen, Gehen und Ankommen, und dies alle Tage – «verschwimmen ihm die Erinnerungen» und trudeln raum- und zeitlos durcheinander. Er kann die Ereignisse in ihrer Reihenfolge nicht mehr einordnen. – So erinnerte er sich zum Beispiel zwar noch an jene Übernachtung in der «Halte St. Martin», an diese abgefahrene Begegnung mit den beiden Typen, als wäre er in Samuel Becketts «Warten auf Godot» geplumpst – aber er meinte zu wissen, dass diese Begegnung erst auf einer Wegstrecke nach Le Puy stattgefunden habe. Das Tagebuch erzählt aber etwas anderes…

Tag 11/2, Craz en Michaille

Sonntag, am Morgen

Heute wird es sehr heiss. Gestern tropfte mir der Schweiss zum ersten Mal in die Brillengläser und lief mir in die Augen. Das wird sich heute wohl wiederholen.

Habe schlecht geschlafen und bin viele Male erwacht. Heute Morgen waren meine Augen verklebt und der Atem ging schwer.  Nichts desto Trotz – und mit Freude – auf in Richtung Celoz.

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat

Dieser Psalm begegnete mir gestern zum zweiten Mal – in der Kirche. Das erste Mal wars in der Schweiz beim Parkhotel in Gunten. – Die Messe gestern war sehr sympathisch – kurz, witziger Pfarrer, schönes Licht, guter Gesang – während der Kommunion Trompetenkonzert ab Kassetten!

Sonntag Nachmittag

All hier Bier!

Dieses kleine Dorf – Craz en Michaille – von nur 250 Einwohnern, ist mit Lautsprechern gespickt, daraus tönen Schlager der 60-Jahre, z.B. „In Peru“, die Buden sind improvisiert: Flaschenschiessen mit Boulle – ein schräger Dachkännel bringt die Kugel zum Schützen zurück, das Glücksrad, alles lebendig improvisiert, z. B. sind die Stände aus rostigen Baugerüsten. 

Ich bin bei guten Leuten angelangt und konnte meine Sonntagsdusche geniessen. Erfrischt durch den ganzen Tageslauf heb ich mich morgen wieder auf die Sohle.

In Seyssel nach einer dreistündigen Non-Stop-Tour hielt ich an und beschloss, zu bleiben, da die Stadt sehr schön ist und es zu regnen begann. Vor einem Bistro lernte ich Guy und Eveline kennen, da ich unter ihrem Sonnenschirm vor den grossen Tropfen flüchtete. Schon vorher hatten wir uns zugelächelt und ich denke, unsere Antennen funkten auf der gleichen Welle – alle waren oder sind bereit, ihr Leben zu ändern, neue Wege zu gehen – innert Kürze sprachen wir auch darüber.

Ein sympathischer Haushalt, viel Musik – Klavier und Gitarre – und gutes Essen. Dazu rege – erregte – Diskussionen über das spanische „Verbrechen“ in Südamerika und übers Militär. Ich bin erstaunt, wie interessiert und informiert die Leute hier über den Jakobsweg sind. In der Deutschschweiz wäre dies so nie anzutreffen.

Das Dorffest in Craz war ebenfalls erfrischend. Ich ass da das obligate Menu – 65 Franc – und unterhielt mich mit einem Canada-Amerika-Franzosen. Es entwickelte sich ein Gespräch über die Abschaffung der Grenzen, infolge der heutigen Situation. Nach der Folkloredarbietung – ähnelte sehr dem Schweizer Verhalten, relativ steif, aber freundlich – verliess ich das Dörfchen, hörte die Lautsprechermusik immer ferner erklingen, ging lange auf der Hauptstrasse, bis ich zur Rhône hinuntersteigen konnte, da nach Wasser fragte und an meinem Ziel anlangte. Während meinen Schritten sah ich in der Region Bellegarde lange schon die Regenschleier vom Himmel hängen.

Welch guter Entscheid, heute zu gehen und welch gutes Verfehlen des Weges zum GR 9 – ich durfte wieder einmal «la france-sauvage» durchkämpfen!!

MindWalk 23/32 – Tag 19, Lucey, Massignieu des Rives via Culoz

Hier noch einige Zeilen zu seinem Schock und wie er vor sechs Jahren erkannte, dass seine Erinnerung ihn trügt:

«Ich muss meiner Erinnerung nachhelfen und lege mal die Karten mit dem Weg von Genf bis nach Le Puy aus.

Als erstes denke ich: Shit, das ist ja noch unglaublich weit bis Le Puy! Es ist nicht eine Karte, sondern es sind deren drei. Und alle im Massstab 1: 100 000! Das heisst, ein Zentimeter auf der Karte entspricht einem Kilometer Fussweg. Und die violette Linie, die meinen Weg markiert, schlängelt sich auf einer Länge von über zwei Metern über diese Kartenblätter.

Ich bin perplex! So viel Weg und ich habe kaum noch Erinnerungen daran! Ich kann es kaum glauben.» 

Er versucht seine Irritation irgendwie greifbar zu machen:

«Eben habe ich den Weg mit einem Draht nachgezeichnet. Und ich bin noch einmal baff: Die Strecke auf der Karte misst mehr denn drei Meter! Ich bin erschüttert. Wirklich. Ich ging da von Genf bis Le Puy mehr denn 300 Kilometer… und eben noch dachte ich, nach Genf seien es noch vier bis höchstens fünf Stationen gewesen bis Le Puy. Ich will nachzählen!«

Noch einmal versucht er diese beiden Realitäten, die der Erinnerung und die der Wirklichkeit von damals, miteinander zu konfrontieren:

«Dreizehn Etappen waren es. Ich habe zwölfmal übernachtet. Unglaublich. Die Orte hiessen der Reihe nach Bellgarde, Seyssel, Lucey, St. Didier, Apprieu, la Côte-St-André – in der Nähe von, Château la Chal, Col du Fayet, Libertine – wie sinnig, dann fehlt ein Stück Karte, Devesset – in der Nähe von und dann wohl der «Ginsterberg» bei La Teyssonneire. Da bricht die Aufzeichnung in violett ab und wird mit Bleistift weiter geführt. Kryptische Kreislein begleiten den Weg, den ich anscheinend ging.» Geschrieben am 22. November 2014 

Zudem hier noch der letzte Satz aus dem Wandertagebucheintrag von heute: «Noch etwas: Es hat mir in Culoz fast abgeschaltet, als ich sah, wie weit es noch ist bis Le Puy!» Irgendwie interessant, wie sich gewisse Prozess und Vorgänge anscheinend wiederholen. Anscheinend hatte er damals schon wenig Begriff in Bezug zu gewissen Distanzen ausserhalb der Schweiz…

Montag, am Morgen

Ich sitze an der Rhone, ein Lüftchen geht und manchmal platscht ein Fisch zurück ins Wasser. Hier zu sitzen und zu gehen ist wunderbar. Aber dies musste ich mir zuerst auf der Strasse verdienen, im beissenden Gestank der Dieselmotoren.

Es ist kaum zu fassen, aber es ist schön. Noch keinen Tag musste ich im Regen gehen und die letzte feuchte Nacht konnte ich in einem Bett überschlafen.

In Seyssel habe ich gepinselt und ging danach mit dem Füller darüber. Diese Technik wäre gut, muss ich aber noch um vieles verbessern. Es ist ein schwarzes Bild geworden.

Die Leute in Gignez sind gut. Ich ass mit dem «Meister» Yan Zmorgen und verabschiedete mich bei Eveline – sie erinnert mich an Angel, nur um einiges ist sie impulsiver. Wir hatten das Heu auf der gleichen Bühne – ein herzlicher Abschied. Darf nun weiter nach Culoz – und kann bald die Karte wechseln.

Am Abend

Sehr günstig, es lohnt sich durchzuhalten und daran zu glauben, dass ich etwas finde. – Nach dem langen Marsch – fast 3 Stunden von Culoz nach Gezeis (oder sowas) kam ich ins Gewitter, wurde nass – habe ein Rebhuhn aufgescheucht, es sass mitten im hochbewachsenen Weg – und ging trotzdem im Hemd weiter. Kam zu einem Schloss – sehr schön, mit Hund – wir verstanden uns gut, er wedelte und ich plapperte in gutem Ton, um sein Bellen nicht in Beissen umzustimmen. Leider öffnete niemand ein Fenster. Wäre ein Mann erschienen, hätte ich gesagt: «Bonsoir, monsieur le roi. Moi, je suis le grenouille! Peux-je parler avec la princesse?» Aber das kann ich noch nachholen, Schlösser gibt es ja viele. In einer Bar trank ich Milch und einen Ricard – dies sei besser gegen den Durst, rieten mir die Männer, die wie Flamingos einbeinig an der Theke standen. Der «Laden» wird von zwei Schwulen geführt, wie mir schien. Da hätte ich auch übernachten können, denn zugleich war es Restaurant und Auberge. – Und jetzt liege ich auf einem alten Bett unter einer Veranda, meine Kleider, die nassen, sind an einer Wäscheleine aufgehängt und ich höre den Regen in den nächtlichen Wald trommeln. Im Dunst sehe ich die hohen Savoyen vor dem helleren Abendhimmel und in mir ist eine gesunde Müdigkeit. Jetzt essen – und was will ich noch mehr?

PS.: Am Morgen wird mich die Sonne wecken, falls sie durchblicken mag, denn meine Sicht geht nach Osten.

Noch etwas: Es hat mir in Culoz fast abgeschaltet, als ich sah, wie weit es noch ist bis Le Puy!

Die drei 1 : 100 000 Kartenblätter
mit dem nachskizzierten Weg von Genf bis kurz vor Le Puy

MindWalk 23/32 – Tag 20, St. Didier via Virginin

Ohne weitere Worte…

Tag 20, St. Didier, via Virginin

Dienstag, am Mittag

Nass – tropfnass – pflotschnass. Erst begann es zu nieseln und ich packte die Helly Hansen aus. Dann kam Regen auf und meine Schuhe sammelten Wasser, bis ich dann auf einen GR traf, der mich dahinführte, wo ich meinte. Durch mannshohes Immergrün, das sich beim Passieren stets mit einer ergiebigen Dusche bedankte, schlängelte ich mich durch, den Kopf wie ein angreifender Stier gesenkt. Inzwischen montierte ich zum Glück die Pelerine, so dass der Rucksack und der Oberkörper relativ trocken blieben. Die Hosen aber klebten an mir wie ein nasser Sack und das Wasser «stieg», so dass ich selbst nasse Unterhosen bekam. Die Füsse badeten in einem «piscine chauffée», wurden weich und begannen bei Fehltritten zu schmerzen. Plötzlich sah ich mich, über eine Felswand hinaus ins Tal blickend, an meinem Ziel vorbei wandern. Aber hinunter konnte ich nicht und so musste ich eben eine Schlaufe um die Felswand ziehen, um jetzt hier in diesem Restaurant meine Kleider wechseln zu können. Inzwischen ist es 13.30 Uhr und ich habe erst ca. acht Kilometer zurückgelegt – und inzwischen schifft es wieder.

Wozu der Stock sonst noch dienlich ist –  Wäsche trocknet im Gehen schneller als beim Stehen.

Skizze: Ich, wandernd von hinten

Wenn ich ihn nicht zum Wäschetrocknen brauche, so spiele ich vielmals mit meinem Stab. Ich drehe ihn in einer Hand, wechsle in die andere, zwischen den Fingern … und vergesse darob, die Gegend zu sehen. Aber das gibt Auflockerung und Konzentration.

Nach den Stunden des Umkleidens und Antrocknens ging ich weiter. Vorerst regnete es, aber das Gehen in den Sandalen au pied nu, das half. Mit der Zeit brach sogar die Sonne durchs Gewölk und ich stecke den Wanderstab quer und wanderte als Wäscheleine. Es reichte aber nicht zum Trocknen, denn jetzt regnet es wieder.

Dazu schrieb er gestern im TB: «In Seyssel habe ich gepinselt und bin mit dem Füller darüber. Diese Technik wäre gut, muss ich aber noch um vieles verbessern. Ist ein schwarzes Bild geworden.»

Die Hügelzüge der Savoyen werde ich verlassen und durch ein Gebiet gehen, dessen Namen ich nicht weiss, noch dessen Aussehen ich mir vorstellen kann.

Immer Gehen, vorwärts gehen
Immer Ankommen, am Abend
Immer ein Nachtlager suchen
Immer sich schlafen legen
Immer eine Nacht haben
Immer aufwachen
Immer Träume erinnern
Immer die Wachheit suchen
Immer aus dem Schlafsack sich pellen
Immer aufstehen
Immer die Kleider anziehen
Immer den Schlafsack zusammenrollen
Immer den Rucksack packen
Immer das Nachtlager verlassen
Immer in die Gänge kommen

Immer vorwärts gehen
Immer gehen
Immer
Immer

Immer

MindWalk 23/32 – Tag 21, Apprieu

Vor sechs Jahren schrieb er, nachdem er den Schock der «verlorenen Erinnerung» soweit verdaut hatte und sich nun mit Hilfe der Karte orientiert, über den Gehenden von damals:

«Von Genf her bin ich also lange im Tal der Rhône gewandert. Nach der vierten Etappe knickt der Fluss dann nach Nordwesten weg. Ich blieb somit meiner Richtung nach Süden und Südwesten treu und tauchte so quasi unterhalb von Lyon und Vienne weg, um auf der Höhe von Roussillon, Chanas und Sablon noch einmal auf die Rohne zu treffen. Dort war sie dann um ein Stück weiter und breiter, ein Strom, wie wir ihn in der Schweiz so nicht kennen. Ich erinnerte mich noch schwach, oder meine es zumindest, dass das Überqueren der Rohne an dieser Stelle mir etwas bedeutete. Der nachfolgende Gang in die Berge war dann, als hätte ich eben den allerletzten Draht zur Schweiz hinter mir gelassen. Nicht einmal mehr Schweizer Wasser querte nun weiter meinen Weg. Auch die Dimensionen der Rohne, die inzwischen an der Stelle auch das Wasser der Saône mit sich trug, mache mir ein Bild, so dass ich mich inzwischen weit weg fühlte. Ich kenne das Wasser der Rotte, wie sie im Goms fliesst – aber hier war der Strom in einem solchen Masse angeschwollen, gewachsen, dass ich mich selber mit ihm in neuen Dimensionen fühlen musste.

Ich gehe davon aus, so denke ich heute zumindest, dass ich als Gehender mich in einem ebensolchen Masse gewachsen, erstarkt gefühlt haben musste – oder dass ich mich zumindest durch meine eigene Leistung in einem ähnlichen Verhältnis erweitert und befreit vorkommen musste – jedenfalls im Vergleich zu den Verhältnissen, aus denen ich eben kam.» Geschrieben am 22. November 2014 

So, nun aber zum eigentlichen Tagebucheintrag von vor 32 Jahren. Der erzählt gar nichts von «erweitert» oder «bereit».

Mittwoch, am Abend

Ich bin gerädert. Am Vorabend meines dritten Jubiläums. Nicht, dass es besonders weit war, eher verkehrt. Ich wollte unbedingt zum See, verpasse eine Abzweigung und machte somit einige Kilometer mehr. Doch angelangt am Lac du Paladru zeigt er mir doch noch keine gute Bleibe und die Nacht verspricht kalt, windig und nass zu werden. Zudem ist mein Geld bald zu Ende und ich muss bei einer Bank vorbei. Aber in diesen kleinen Dörfern gibt’s nichts zu wechseln.

Täglich aufwachen 
Im Schlafsack liegen und einen Tag vor sich haben
Aufwachen an einem Ort, wo man noch nie war 
Kilometer hinter sich haben, Kilometer vor sich haben
Im Schlafsack liegen und einfach sein, wo man noch nie war 
Dann um sich sehen und sehen, was man gestern sah, als man ankam 
Heute nun sehen, wie alles im Licht nun aussieht 
Überhaupt, immer alles zum ersten Mal sehen
Einen Rucksack haben und einen Stock
Und immer alles neu sehen 
Im Neuen alles sehen, immer 
Und täglich dasselbe tun
Immer

Ja, eine wilde Odyssee. Ich sitze da vor einem, so hoffe ich, unbewohnten Haus, um mich das Gebell der Hunde, Schreie von weiss nicht wem und ohne Sicht (wie man an der Schrift wohl sieht). Es ist zehn Uhr vorbei, und zumindest ist der Himmel klar. Vom See ging ich weg, um einen Schlafplatz zu suchen, kam immer weiter in den Wald, an Fabriken vorbei, die die Bäche beschmutzen und langte nach 1 ½ Stunden in diesem Dorf an. Und es bleibt mir nichts anderes übriges, als zu bleiben, auch wenn es mir gespenstisch vorkommt und ich regen Respekt vor den Kläffern habe.

Es gibt verschiedene Formen von GEHEN

MindWalk 23/32 – Tag 22, In der Nähe von La Côte-St-André, «Halte St. Martin»

Wieder steht ein Jubiläum an, das dritte! Jetzt zu feiern, das wärs. Aber nicht nur der erste Kaffee am Morgen ist entsetzlich. Die Misere scheint sich ihm an die Fersen gehaftet zu haben. Am Abend gar wird er im Auto von einem rabiaten Pfarrer aus dem Dorf gebracht, als wäre er ein Aussätziger und irgendwo in der Pampa abgesetzt, wo er sich unversehens in «Warten auf Godot» wieder findet, Pozzo und Lucky gegenüber…

Donnerstag, am Morgen

Und wieder regnet es, aber für mich diesmal durch die Glastüre eines Bistrots zu betrachten, vor mir Croissants – oh, wozu die Vorfreude auf dieses Gebäck mich alles bringen kann!!! – und neben mir ein scheusslicher Kaffee. Er ist nur bekömmlich, wenn ich das Gipfeli darin tunke, dann aber verliert dieses an Qualität…

Die Nacht war hart und bis ich einschlief, lag ich lange wach, und wie ich die Augen nach einer ruhigen Zeit aufschlug, war der Himmel überzogen und es nieselte leicht. Ich presste mich an die Hauswand, drehte mich links, drehte mich rechts, meine Beine schmerzten – sie fühlten sich so schwer an und liessen sich in keiner Stellung wohlig platzieren. Am Morgen drückte die Sonne wieder durch, doch das war …

Als ich gestern in Charavines ankam, war ich wirklich genudelt. Bei einem Milchkaffee erholte ich mich und war mit nacktem Steinboden als Schlafplatz nicht zufrieden – jetzt hatte ich wenigstens Kies.

Fand gestern am Strassenrand einen toten Specht. Erstaunlich, dieser spitze, kräftige Schnabel, und dann die Zunge – dünn wie ein ausgestreckter, langer Regenwurm, in derselben Farbe und an der Zungenspitze einige Härchen. Erstaunlich auch, dass der bei der Arbeit keine Hirnerschütterung bekommt. – Scheuchte auch einen Fasan auf. Er gackerte exaltiert wie ein Huhn. 

Am Nachmittag

Vorgestern muss unterhalb St André-le-Gaz ein Gewitter getobt haben. Humusschichten wurden von den Äckern geschwemmt, so dass danach nur ein Steinfeld zu sehen war, Bäume lagen umgerissen, Wegborde rutschten ab und der Feldweg war zu einem Bachbett, teilweise bis 40 Zentimeter tief, ausgefressen.

Die Leute hier sind nicht besonders freundlich. Wenige grüssen, manche getrauen mich nicht einmal anzuschauen. Und dabei tut es mir so gut, wenn mal eine Lichthupe aufblitzt und aus einem Wagen mir einer zuwinkt – Sekundenbruchteile, die wirken. Gestern setzte ich mich unter ein Vordächlein bei einem Ziegenstall. Der Wachhabende musste mich gewittert haben, gab an und nach einer Zeit kam sein Herr um die Ecke. 

gehässig «Qu’est-ce que vous faites ici?»

«J’attends jusq’au fin de la pluie!»

«Mais seulement un petit moment!»

ich verstand nicht «Peut-être!»

gehässig «Mais seulement un petit moment! Et vous ne fumez pas!!»

Rot im Gesicht ging er ab, dampfend seine gelbe Zigarette im Mund. – Wo bleibt da die vielgepriesene französische LIBERTÉ? Überall sind Verbotsschilder und «Proprieté privé» und «passage interdit» und «le chien monte la garde» … Jedes Stück Land ist mit einem hohen Zaun geschützt und die Häuser sind mit Hecken und Gattern umrandet – eine widerliche Sache.

Il lui sera pardonné,

parce qu’elle a beaucoup aimé.  

Vielfach sind in den Kirchen biblische Sprüche notiert und dazu in Glas die Szenen gemalt oder ein Bild in Blei gehalten

Es schwebt mir vor, mit Sprache Stillleben zu schreiben, ohne irgendwelchen philosophischen Sinn, möglichst das bezeichnen, in klaren Bildern, was ich erlebe, erlebt habe – vielleicht gereimt.

Zum Beispiel: Der gestrige Trip auf der Suche nach einem Liegeplatz / Eine Ode an meine rote Hose oder an meinen Stock / Die «Herbergssuche» in Stans

Aber ich fühle mich behindert… (es folgt ein Versuch)


Am Abend kam ich beim stillen Wasser an
Zwei schmerzende Bänder über den Schultern
Die sich im Kreuz treffen
Dann enden an den Fussrändern

Aus den Häusern, dicht gedrängt, geh ich
Um einen Platz zu suchen, wo ich mich ruhen kann
Schleiche an bellenden Zäunen entlang
Zum Wald, dem nun rauschend Wasser lang

Gegen Abend

Heute Jubiläum und Tag der Bars – eine Stunde gehen, eine Stunde den Regen vorbeiziehen lassen. Und zudem – wie aussen, so auch innen…

In den Äckern, auf den Feldwegen und Strassen fliesst das Wasser. Einen solchen Neubach musste ich überqueren und bald hatten meine harten Sohlen ein Bad um sich. Als ich auf das gestern getrocknete Schuhwerk umstieg, merkte ich, dass sich mein «fromage frais» den Weg der Freiheit genommen hatte und sich im Rucksack längs und breit machte. Alles saftet und die Esswaren musste an Ort und Stelle verzehrt werden – direkt an einer Nationalstrasse mit Sicht auf sprühende Lastwagenreifen. – Jetzt gehe ich auf der D73 (pfui) La Côte St. André entgegen. Da gedenke ich, mir eine ruhige Nacht, trockenen Wäsche und einen gemütlichen Abend zu machen (konnte Papier wandeln). Anmerkung: Geld wechseln

Am Abend

Wie bin ich hierher geraten? Alle meine Träume von kaufen, ausgehen, trinken und essen sind verunmöglicht. Stattdessen bewege ich mich beinahe im Mittelalter in einer abseitige Herberge.

In La Côte St. André suchte ich eine billige Auberge. Ausser teuren Hotels – nur 2 – gabs nichts und man riet mir, den Pfarrer zu suchen, der habe Gratislogis. Ich fand nach dem Fragen in der Bar diesen Mann, bei dem ich mich nach dem curé erkundigte. Anstelle einer Antwort, fragte er zurück – Wieso? Woher? Wer? Ob ich nichts gescheiteres zu tun hätte? Was meine Eltern seien? Wohin? Seit wann? … Erst gab ich redlich Antwort, doch mit einem Mal machte er mich wütend. Nur, weil ich bei ihm oder eben dem Pfarrer um eine Herberge suchen würde, habe er noch kein Recht darauf, mich so zu behandeln. Mit der Fragerei machte er mich hässig. Da schaute er mich mit seinem einen Auge etwas schief an – das andere war belegt und tauge nicht mehr – und rief aus: «Hier, in diesem Haus, schläft mir seit den Geschichten von damals keiner mehr!» Dabei lief er rot an. Einige hätten sich damals als gutmütig ausgegeben und bestahlen ihn, liess er mich wissen.

Mit dem Auto führte er mich weg, aus der Stadt, weg von der Strasse zu einem Gehöft – für Schweizer Verhältnisse sehr verwahrlost.

Niemand war da. Ich dachte, irgendein hexenartiges Wesen müsse erscheinen. Aber da fuhr ein Auto vor, zwei Typen stiegen aus und der Wagen fuhr wieder weg – einer der beiden, klein, älter, mit grossem Schnauz und kantiger Nase, der andere gross, breit, um die Dreissig, «Schanzennase» und eine Tonsur wie KM Brandauer – sieht daher «nicht ganz gebacken» aus.

Und jetzt sitze ich auf einem Bett, der Grosse schnaubt schon regelmässig in der andere Ecke des Raumes und zwei Betten sind noch frei. Saubere Leintücher bekam ich – wobei das eine mehr ein Sieb ist -, Pommes-frites – selber in irgendwelchem alten Öl aus selbergeschälten, nicht gewaschenen und daher nach dem Enthäuten wieder braunen Kartoffeln gebacken -, gegessen mit Fleisch und Salat – dieser an einer undefinierbaren Sauce, wobei ein Teil davon auch schon sehr alt war. Zudem weiss ich inzwischen, dass ich die Uhr nicht berühren, zum Hund nicht hingehen, die Katze nicht rufen und den Rucksack nicht im Zimmer haben darf. Der Kleine, der Hausmeister, hat einen kleineren Komplex und schafft sich Achtung, indem er mit dem Hund und der Katze rabiat umgeht – und aber doch ihr einziger Liebling sein will. Der Grosse macht beim Spielchen mit und fragt jeden Blödsinn. Zusammen geben sie ein simples, einfältiges Duo ab. – Dies hier ist «Halte St. Martin», die Offerte des Pfarrers nach seinem Frust. Paul, der kleine Schnauzbärtige, lebt hier und nimmt die «Leute der Strasse» für eine Nacht auf. Sonst macht er Gelegenheitsarbeit, jetzt zusammen mit dem Grossen. Eingerichtet ist das Haus gut – Kühlschrank, Telefon, Gasherd, Boiler und TV. Auch hier, der Schlafsaal ist schön gemacht, einfach.

Der freundliche Ton auf den Papier
täuscht über die rauhen Sitten vor Ort hinweg

Jetzt ist nichts mit Likör degustieren, alte Kirche aquarellieren und Museen anschauen!!! Dann halt morgen weiter auf der Sohle.

Die «Halte St. Martin»

MindWalk 23/32 – Tag 22A, Zwischenhalt

Nach den ersten drei Wochen unterwegs mit ihm und nach einem Monat im Blog zusammen mit dir, stehen die nächsten «Gedanken» an:

Im Gehen schwingt eine unglaubliche Magie. Diesen Satz wiederhole ich gerne – er repetiert sich in meinem Leben selber in unterschiedlichsten Formen.

Gerade jetzt bin ich auch wieder daran, am Gehen – mit diesem Blog. Obwohl ich auf dem Sofa in der Stube sitze und diesen Text schreibe, kümmere ich mich um das Gehen. Selbst wenn ich Schreibe, bin ich am Gehen.

Wann hat das eigentlich angefangen? Dieses Gehen, diese Lust am Gehen?

Es existieren von mir drei frühe Kinderzeichnungen: Ein Pferd, eine Art Eulenspiegel mit Schnabelschuhen und das unten gezeigte Bild: Ein Frosch, der springt. – Dieses Zeichnung beeindruckt mich. Denn wenn ich das Lachen des springenden Frosches sehe, zeigt sich mir «Freude an der Bewegung», «Glück, sich abgestossen zu haben» und Begeisterung, «ohne Flügel in die Lüfte zu kommen», Abheben.

Beim Gehen passiert mir das, was dieser Frosch ausdrückt: Freude, Leichtigkeit, Freiheit und die Erfahrung von Kraft. Ich interpretiere gar in diese Zeichnung hinein, dass ich von dieser Kraft, von dieser bis ins innerste hinein führenden Stärke, schon damals «wusste».

Dieses Transzendierende, was ich im Gehen immer wieder erlebe, ahnte ich wohl schon als Kind. Natürlich hätte ich damals, als ich «noch Kind war und kein Gesicht machte beim Fotografieren» (nach Handke), diesen Umstand so nicht benennen können. Aber ich erinnere Bilder aus der Kindheit, wie ich mich im Wald aufhalte, ganz alleine. Wie ich im Wald bin. Wie ich durch den Wald gehe, hüpfe, ihn renne, in ihm aufgehe, förmlich in ihm bin, ihn bin.

Und ich sehe mich zudem, wie ich von zuhause aus über die Hügel ins nächste Tal gehe – das erste Mal zusammen mit meinem grossen Bruder, später dann mit meinen beiden jüngeren Brüdern, sie an der Hand: Wie ich losziehe, das Elternhaus den Hang hinunter gehend verlasse, ganz hinunter gehe zum Bach, über diesen hinweg, langsam die andere Talseite schaffe, dort die Bahnlinie unter- und danach die Todesstrasse überquere, im nächsten Dorf steil den Lindenberg hinangehe, dort in den Wald komme, im Schwitzen auf jene Lichtung treffe, die mich fasziniert und anzieht, weil sie mir eine Insel aus einem Märchen ist, wie ich über den Berg bis hinauf auf seinen Rücken komme, dort langsam wieder abwärts gehe, bis dann der Blick frei wird auf das Tal. Das andere Tal mit dem See. Da liegt ein See. Ja. Und ein Schloss. Mit Wasser darum herum. Und ich gehe hinab, an allem vorbei, am Ausflugsrestaurant, an der Kuhweide, den Kirschbäumen, dem Garagentor, dem Parkplatz des Landmaschinenmechanikers, dem Schloss, dem grossen Haus mit den hohen Fenstern, bis ich vor dem kleinen Haus meiner Tante stehe. Der Tante mit dem grossen Lachen. Der Tante, die ihr Leben jeden Tag lebt, als sei es ein Geschenk. Hallo Tante, hier sind wir.

Heute würde man Eltern bei der Polizei verpetzen, liessen sie Knirpse wie uns einfach so in die Welt hinaus gehen. Ich aber bin ihnen dankbar.

Synonyme für Gehen –
gesammelt von SchülerInnen der Schule Nordstrasse, Zürich

Sabine Claus nennt in ihrem Buch «Auf dem Weg», dass die Geometrie der Natur uns anziehe. Dass das Kleine im Grossen, die Repetition, «komplexe Strukturen, die sich wiederholen» und «sich in sich selbst wiederholende Muster», also Fraktale, uns gar beruhigen. Und wenn ich nun an diese Gänge über den Berg ins nächste Tal denke, dann kommt in diesem Gehen von damals all das schon einmal vor, was der Geher fünfzehn Jahre später in seinem Wander- und Skizzenbuch dann wieder beschreibt: Das Wagnis, aufzubrechen. Der Stolz, es selbständig so weit zu wagen. Die Freude, zu gehen. Das Glück im Unverhofften. Die Nähe zu den Elementen. Die Erhebung, es aus dem einen Tal ins nächste zu schaffen. Zu wissen, dass ein Bach allein einem nicht reicht. Und auch zu verstehen, dass es viele Tanten und Onkels gibt, aber dass man selber nur über die Hügel geht für jene mit dem grossen Lachen . Dafür immer wieder.

Diese Erfahrung, sich immer wieder auszusetzen all diesen Bewegungen, dem allem immer wieder begegnen wollen, das macht anscheinend glücklich. Der Mensch, dies behaupte ich hier einmal, liebt es also nicht nur, fraktale Strukturen zu betrachten (die Jakobsmuschel ist ein wunderbares Beispiel einer solchen Fraktale), sondern, wenn es stimmig kommt, lebt er solche auch. Und für mich scheint im «Gehen» deswegen diese grosse Kraft zu liegen: In der Wiederholung dieser gelingenden Muster. Da wächst man anscheinend – zu der oder dem, die oder der man ist.

Aus dem Netz: FotografIn wie auch Künstlerln leider unbekannt

Geh !

Ausblick

Im nächsten Beitrag gebe ich Rückmeldungen zum Blog wieder. Sie kamen während der letzten Woche bei mir an. Die Fotos zeigen Covers, Karten und Abbildungen aus Büchern, die ihm damals beim Vorbereiten der Wanderung halfen.

MindWalk 23/32 – Tag 22B, Zwischenhalt

Das Land durchwandern es mit der Seele suchen, drei Wochen schon. Eintauchen in Landschaften. Mit den Augen den Weg gehen. Mit den Füssen fliegen. Den Kopf spazieren und die Seele flanieren lassen. Ein Teil sein von allem, um eine Ahnung zu bekommen, wer man ist, wie man sein könnte – im Verhältnis zu dem, was ist.

Und was sagt der Gehende heute? Ist er nun der, auf den er sich damals angelegt hat? Und wem bringt das jetzt etwas, dass er diese «alten Schritte zählt», in den bejahrten Seiten blättert, mit dem Augen möglicher Reife auf seine Adoleszenzjahre blickt?

Feedbacks, die mich per Mail erreichten

Toller Text heute. Mit mir geht schon lange der Satz: «Wenn nichts mehr geht, dann geh.»

Das Aussen und das Innen korrespondieren, ja. Wenn ich in der Panik gefangen bin, kann ich mich kaum noch rühren. Schaffe ich es aber loszugehen, verfliegt die Panik. Ich kann wieder atmen, mich bewegen.

Jetzt gehe ich tatsächlich los, breche auf… Ich bin fast sicher, dass ich auch auf meinem Weg an meine Grenzen kommen werde, erneut. Aber ich hoffe, dass ich dabei in meiner Lernzone bleibe und nicht mehr in der Panikzone hänge, die mich erstarren liess. K. G. eben noch in B.

Vielen Dank für die Inspiration! A. B. in A.    

 Sehr cool und wunderschön, was du da machst. – Ich gehe nun nach draussen, um am Waldrand etwas zu essen. Danach gehe ich zurück, um weiter zu arbeiten. Gehen… einfach nur gehen. Einfach nur schauen und staunen, denken, wahrnehmen und vieles mehr. Du inspirierst mich.                                                           S. W. in Z.                                                                                                                   

Jetzt war ich während einer Stunde auf deinem Blog, anstatt zu arbeiten. – Spannend, deine Geschichten. Gratuliere!         P. G. in A. 

Meine Frau und ich haben bereits viele Reisen mit dem Fahrrad gemacht. Ist ja auch eine Art gehen, wenn auch deutlich bequemer und schneller. Das Gefühl der Freiheit, Unabhängigkeit und der Vorfreude, was der neue Tag wohl bringt, habe ich dabei selber erlebt. Leider war ich immer zu bequem, meine Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten. Irgendwie erscheinen mir die Dinge zu profan. Deshalb ist es grossartig zu lesen, wie Du Deine Erlebnisse beschreibst und heute, nach so vielen Jahren, reflektierst. – In den letzten Wochen machen wir jeden Abend einen ausgedehnten Spaziergang. Ich habe dieses Gehen bis zu dem Tag, an dem Du Deinen blog geteilt hast, nur als Entspannung gesehen. – An dem Tag kam mir aber die Idee, barfuss zu laufen. Es geht schon ganz gut und die Fusssohle wird auch schon etwas ledriger. Allerdings hatte ich auch schon 2 riesige Blasen, keine Ahnung wie das geht 🤔 J. M. in E.

…danke für den tollen Blog-Hinweis! Habe ein paar Einträge gelesen und gerade noch mehr Lust bekommen, loszulaufen. Nächste Woche geht’s los – habe 4 Wochen und ich werde mich in die Natur begeben, auf Bauernhöfe, etwas mithelfen und viel wandern.

PS: Habe deinen Blog einem guten Freund weitergeleitet. Ich könnt mir noch vorstellen, dass Ihr Euch gut versehen würdet – ihr habt glaub einiges gemeinsam.                             Y. A. in Z.

Weil nicht nur Menschen mir schrieben, sondern auch ich mich melde, teile ich hier eine Truovaille, die sich ergab, als ich mich mit Christian Sauer über sein Buch «Draussen gehen» austauschte. Ich bezog mich auf den «uralten Hannes», eine Figur aus einer seiner Erzählungen, und fertigte nachträglich aus dieser Passage meiner Mail ein Gedicht. Christian entwickelte es weiter und teilte diese zweite Version wiederum mit mir. Und jetzt, teile ich hier mit dir meine dritte. So kann Kreativität auch gehen…

Geh 
 
Es gibt dich und den Berg
Mehr nicht
Auf diesen Berg führt dieser Weg 
Mehr nicht
Du gehst ihn
Mehr nicht
Nichts anderes 
Schritt für Schritt 
Du atmest 
Dein Rhythmus ist dein Rhythmus 
Nichts anderes 
Im Gehen
Im Atmen 
Gehst du

Atmest du 
Mehr nicht 
Du setzt ihm förmlich 
den Stempel auf
Schritt um Schritt 
Er ist fest genug
Keine Angst 
Geh nur 
Nicht mehr
Geh
Das obige Buch «filetiert», um Gewicht zu sparen

Alle weiteren Abbildungen zeigen ebenfalls Literatur,
die mir half, den Walk von damals vorzubereiten –
oder sie begleitete mich gar auf dem Weg,
wenigstens einen Teil der Strecke 🙂

MindWalk 23/32 – Tag 22C, Zwischenhalt

Meine Gedanken – nach den vier Wochen unterwegs sein mit ihm – und dem Blog:

Im Gehen schwingt eine unglaubliche Magie. Diesen Satz wiederhole ich gerne – denn er wiederholt sich selber in meinem Leben. Mehrfach…….

Im letzten Zwischenhalt zeigte ich das Bild des Frosches – meine Mutter schrieb dazu «Frösche», aber ich denke, es ist nur einer («KeineR von uns ist nur eineR», ist einer meiner Lieblingssätze). Also zurück zu diesem Bild:

Auch ein Sprung ist ein Schritt. Aber nicht jeder, der zu einem Sprung ansetzt, macht dies wie der Frosch aus dem gehockten Stand. Oft nimmt man zu Sprüngen Anlauf. – Und was machst du jetzt mit meinen Gedanken, wenn ich dir hier darlege, dass so ein Fussmarsch – oder wie Johann Gottfried Seume seinen Gang nach Syrakus nannte -, so ein «Spaziergang», nicht anderes ist als «Anlauf nehmen»: In Schwung kommen, die Energien auf einen Punkt hin bündeln, sich in den Fokus bringen. Ballast abwerfen – «weg mit dem, was nicht mehr nötig ist», bündeln was zu einem gehört, hinzunehmen, was sich neu aufdrängt und bereit sein «für die Luft», das Unbekannte, das, was mich ausmachen wird, was es ausmachen wird….

Vielleicht ist es gar so, dass wir im Gehen gerade all das üben, was es braucht, um «den Sprung» zu wagen. Denn im Gehen ist alles drin, was die kernmässigen Prozesse des Menschen sind, ja im Gehen liegen alle Grundgesetze der Natur überhaupt geborgen: Energien bündeln, sich erheben, losgehen, hineinwachsen, auf weitere unerwartete Kräfte stossen, dem Widerstand begegnen, sich anpassen, der Energie weiter folgen, alles in machbaren Schritten teilen, dem Licht entgegen gehen, Zeit und Raum erfahren, Zeit und Raum hinter sich lassen, vor Glück sich verlieren, sich hintersinnen, sich verirren, sich aufrappeln, viele kleine Tode sterben und… ankommen! Sterben.

Wo das dann auch immer ist, dieses Ankommen. Jeder Weg, den wir einschlagen, führt an ein Ende – und er führt letztlich zu einer Art Tod.

Mir gefällt dieses Duo, gefallen diese beiden Wörter: Art und Tod. Vielleicht ist für gewisse Menschen das Gehen im Unterbewussten tatsächlich jene Kunst, lebendig, vital, ehrlich und freudvoll – wie eben der Frosch -, mit dem Tod umzugehen. Denn keiner geht, ohne zu verlassen und keiner kommt an, ohne damit sein Ziel nicht zu verlieren.

MindWalk 23/32 – Tag 22D, Zwischenhalt

Bevor er weiter geht und er sein letztes Viertel des Weges bis nach Le Puy auch unter die Füsse nimmt, geben wir uns hier noch etwas Raum für Bilder: Diesmal quer durch die Zeiten…

Bilder zwischen dann und wann…

Zu den Bildern:

1) Aquarell mit Tinte – von diesem Bild schreibt er übermorgen im TB und ist streng mit sich

2) Skizze aus dem Wandertagebuch, vom 8. Mai, noch in Fribourg

3) Von links nach rechts die vier Tage- und Skizzenbücher, die auf dem Weg von Einsiedeln bis nach Finisterre entstanden. Im Moment schreibt er im schwarzen, ganz links

4) Rucksack und Stock – dieser ein kurzgesägter Besenstiel. Das Bild entstand wohl nicht weit von dort, wo er sich jetzt aufhält – zu erkennen am hinten befestigten Basilikum, von dem bald die Rede sein wird

5) Er 1988, mit Seitentasche, darin Tagebuch und Wegplan – Bild wurde wohl in Spanien aufgenommen, denn sein roter Wegführer, den er in Rovesvalles erstehen konnte, guckt da raus. Zudem sind seine Haare «kurz» (das Foto machte wohl Beat Sterchi)

6) Er 2015, mit der Seitentasche, die ihm manchmal auch als ein Revolverfutteral vorkommt (Foto: Sarah Keller)

Ausblick

Morgen geht er weiter. Bevor er in Le Puy ankommt, wird er keinen langen Halt mehr einlegen. Le Puy ist die grösste Stadt im Département Haute-Loire und der Ausgangspunkt des Camino Francés, einem der vier historischen Pilgerwege in Frankreich, welche sich erst kurz vor den Pyrenäen vereinen, um via Saint-Jean-Pied-de-Port und der Route Napoléon die Gehenden nach Roncesvalles und somit nach Spanien zu geleiten.

Le Puy ist ihm zudem eine wichtige Wegmarke: Dort wird er sich entscheiden, ob er weiter geht, oder ob es das war. Ob es halt einfach ein Versuch war, der aber nicht jene Dichte und Intensität an Beglückung erfahren liess, die unabdingbar wäre, um das anspruchsvolle Ziel vom Ende der Welt ins Auge zu fassen, es anzugehen, zu erreichen. – In wenigen Tagen wird er also sein Fazit ziehen, was «das ewige Gelatschte» nun gebracht habe – und ob es «trotz allem» doch Sinn mache, die mehr denn tausend Kilometer auch noch in Angriff zu nehmen.

MindWalk 23/32 – Tag 23, Château la Chal, via Epinouze

Ohne grosse Worte: Einfach weiter gehen.

Freitag, am Vormittag

Schon wieder auf der Sohle und eigentlich gut ausgeruht. Nur das Asthma plagt mich, vor allem nachts. Ich lag einige Zeit wach, hörte dem Regen und meinem Pfeifen, Röcheln und Schnudern zu. Ich hatte Mühe, in meinem Badewannenbett wieder einzuschlafen. Zudem hörte ich auf die Geräusche ums Haus, denn mir schien, jemand wolle an meinen Rucksack.

Der Kleine und der Grosse gaben am Morgen ein gutes Bild ab. Sie standen in guter Frühe auf und nahmen das Morgenessen ein. Nachher wurde abgewaschen und bis ich aus den Federn – besser Leinen– war, gab es nichts mehr zu tun, ausser etwas dekorativ herumzustehen. Für mich gabs auch Kaffee, Brot und Konfi, und danach marschierten wir ab – vorher hatte ich noch einen Talon auszufüllen und mindestens 5FF zu bezahlen, ich gab 20FF. – Stolz gingen die zwei zur Arbeit – sie waren erbaut, dass sie gebraucht werden und dass man sie schätzt. – Tinguely hat fast wahr gesprochen: (Anmerk.: Er erinnert sich an den Satz, den er in Fribourg notierte) Ein Mann ohne Arbeit ist wie eine Wurst gemacht aus lauter Haut!

Gegen Abend

Ich sitze in der Sonne – ja, sie zeigte sich am Nachmittag, nachdem ich am Morgen noch einen Regenhalt einschalten musste – vor einem sogenannten Schloss, das aber eher einem abgefuckten Bauernhof gleicht. Es lebten bis vor Kurzem auch wirklich noch Bauern hier, welche die Kapelle als Lagerraum brauchten. Jetzt ist sie ein wenig renoviert worden und man hält Ausstellungen – momentan mittelmässige Bilder eines «Pierre Bastet». Die Aquarelle sind selten gut und ich konnte nichts mitnehmen für mich. Er fand auch seinen Stil nicht. Ich könnte eigentlich noch weiter gehen und hätte auch Lust dazu. Aber hier verspreche ich mir eine gute Bleibe und eingekauft habe ich auch.

Habe die erste Kirsche gegessen.

MindWalk 23/32 – Tag 24, Col du Fayet

Ohne weitere Worte: Einfach weitergehen.

Samstag

In Serrieres bei sonnigem und luftigem Wetter über die Côte du Rhône durch Frucht- und Obstplantagen angekommen. Habe zur Genüge Kirschen und einige Erdbeeren gepickt!

Le Propiértaire du Château war nicht anwesend. François aber gab mir bei Wein und einer Gauloise die Absolution, hier zu nächtigen. Er schenkte mir zudem ein Stöcklein Basilikum, das jetzt wie ein Erker hinten an meinen Rucksack gebändelt ist und an einem Stecklein Halt findet. Er meinte, wenn ich Durst fühlte, bräuchte ich davon nur zu kauen und bald sei ich wieder top.

Er ist rank und hoch, geht in zerschlissenen Kleidern und kennt das freie Leben. Manchmal habe er auf seinen Trips «herbes» gefressen, weil nichts anderes zu bekommen war. Es sei nicht wichtig, wie das Zeug im Mund schmecke, sondern, ob es nähre. Immer wieder gehe er auf «die Piste». Barfuss oder so wie gestern in zerschlissenen Schuhen, die Gitarre und den Schlafsack bei sich – das sei Leben. Sein Vater sei Colonel gewesen und habe Krieg gemacht: «Bumbum». Er aber habe geliebt und «fait l’amour» auf dem  Boden.

Den Wein, den restlichen halben Liter, gab er mir und ich ass dann alleine auf einer von rotem Mohn bewachsenen Steinmauer mit Blick auf die Rhôneebene, wo zum Teile das Wasser der vergangenen Gewittertage noch wie Teiche liegt, mein Nachtessen. Wieder fühlte ich jene Zufriedenheit, diese wunschlosglückliche Freiheit. In solchen Momenten würde ich sie gerne einfrieren, oder in einen Sack sperren, um mich davon während der «mageren Jahren» nähren zu können. Denn – schwup – und sie ist weg und mich befällt eine unbegründete Schwere.

In der Nacht musste ich aufstehen und mit meinem Morgenessen die Katzen füttern. Sie schrien im Quartett so erbärmlich, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich grub ein Lock, bettete einen Plastiksack hinein und überschüttete Brotbrocken mit Milch. Danach gabs Ruhe und für mich am Morgen nur noch 4 dl Milch – dafür aber Kirschen zum Dessert.

Die Gegend steigt jetzt an und ich sehe den Weg noch nicht klar. Die «schönen» Täler sind mit Strassen filetiert. Ich denke, einen guten Teil auf dem GR 7 gehen zu können. Das heisst aber Auf-ab-auf …! Jetzt geht’s zum Einkauf.

Ich bin gegangen bei lachendem Herz, habe innerlich gejubelt und den sonnigen Wind genossen. Die Gegend wirkt ähnlich der Schweiz, ein Mittelding CH-Korsika.

Gut Glück gehabt. Hier unter dem Col de Taylet traf ich Leute, die einen Hof gekauft haben und jetzt über’s Wochenende hier weilen und bauen. Sie flüchten Lyon und geniessen das Leben näher den Wurzeln. Ich fragte nach einem Schlafplatz. Erst wies der Chef mir einige Strohballen zu – schon sehr vornehm – aber jetzt bin ich in ihrer «Wohnung» zum Nachtessen – oh, wie fürstlich → Würstchen, Suppe, Crêpes, Käse und Kaffee ← und jetzt zum Schlafen auf der Couch. Das ist ein gutes Ausruhen.

Versuchte, zu zeichnen. Aber es blieb bei einem Bagatellversuch. Ich schaffte es nicht, Tiefe und die verschiedenen Grün des Waldes hinzubringen. Auch das Nachzeichnen mit dem Fülli half nicht mehr viel – mein Weg ist weit und manchmal möchte ich die Pinsel hinschmeissen, so dilettantisch sind meine Aquarelle – für morgen habe ich einen rechten Happen ob, denn ich möchte bis zur Refuge des GR 7 kommen. Jedenfalls zeigt das Wetter gutes.

MindWalk 23/32 – Tag 25, Libertie

Wortlos weiter? Oder braut sich da eine Mischung zusammen, die erst durch das viele Gehen erfahren werden kann? Erklärungsbedarf?

Erst träumt er nachts erotisch. Und es kommen in seinen Szenerien Personen zusammen, die in seinem realen Leben, das «hinter ihm liegt», je weder eine zeitliche noch räumliche Berührung hatten. Aber hier, im Traum, in ihm, finden sie zusammen. Jetzt.

Ungefähr am sechsten Gehtag, in der Nähe von Plaffeien, las er doch den Brief von Vivi. Darauf schrieb er: «Ich weiss, dass ich lieben kann… Lange Zeit dachte ich mir, für mich wäre das nicht möglich, nicht mehr möglich.» Und dieses «nicht mehr» bezieht sich auf die eine Figur in seinem heutigen Traum, auf Susanne, die ihn nun unverhofft, nach über zwanzig Tagen Fussmarsch, «einholt».

Er nimmt es hin, ohne weiteres, ohne irritiert zu sein. Ohne wirr zu tun oder zu werden, schreibt er die üppige Geschichte lakonisch nieder. Das «wirr» entsteht für ihn erst, wie er die Spur seines Traumes nicht mehr richtig erinnern kann.

Vielleicht hat ihn das GEHEN schon so viele Welten passieren lassen – innere wie äussere -, dass ihm solche Traumszenarien nicht sonderlich vorkommen. Bemerkenswert sind sie ihm zwar allemal, sonst schriebe er nicht davon. Aber sie scheinen ihm so ebenbürtig wie die Erfahrungen von starkem Regen, der Genuss eines schlecht gesalzenen Croissants oder wie das Staunen über all die Grüntöne in der Natur und damit einhergehend seinem Ringen, diese Nuancen mit dem Pinsel auf das Blatt zu bringen. Wie kommt das?

Ist von ihm unterwegs so manches «abgefallen», irgendwo auf dem Weg geblieben, weil es sich nicht mehr als relevant erwies – relevant in Bezug zu all dem, was er jetzt erlebt, was er an sich und mit sich erfuhr und erfährt?

Robert Walser sagt so wunderbar: «Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeuten zu sein. Sie ist es.» Entsteht für ihn durch das beständige Gehen in diesem «Resonanz- und Echoraum Natur», ein neuer Bezug zu sich selbst – zu allem, was an und mit ihm ebenso kernig, elementar und dringlich sein könnte?

Das eine fällt ab und bleibt unterwegs liegen, während anderes in seinem «Rucksack» mit ihm geht und er es mitträgt, all die kommenden Kilometer – bis wohin auch immer

Gewisse Menschen «gehen ihm also nach» und bleiben wichtig über die Zeiten. Nachts melden sie sich, schaffen Furor und provozieren und verführen und erschrecken ihn und raunen zusammen mit Shakespeare ihm zu: «We are such stuff as dreams are made on, and our little life is roundet with a sleep».***

Sonntag

Heute ist ja Pfingsten – wie man mir sagte.

Ich schlief sehr gut, erwachte nur wenige Male und träumte eine Riesengeschichte am Stück. Kurz gesagt ging es darum, dass ich mit Margrit «Reiser»*, die mit Peter Helm verheiratet war, ins Heu ging und er uns dann entdeckte. Darauf die Tirade der Anschuldigungen, wie diese Neuheit langsam im Dorf herumging. Irgendwie kamen Susanne**, Minna und Tamara noch ins Spiel. Wie fuhren in die Berge, wurden beim Schwarzfahren im Bus ertappt und sprachen über Beziehungen – dann wurde es wirr!

Kein Gram, kein Grübeln, keine Peinlichkeit. Er scheint in einem Zustand zu sein, wo in ihm neue Energien und Gesetze spielen – für ihn normal und stimmig.

Es ist herrlich, leichter Sonnenwind, traumhafte Gegend, krumme Kiefern zwischen gelbem Ginster und irgendwelchem Kraut und ein süsslichwarmer Duft in der Luft.

Gehen kann anscheinend «high» machen. Und langes Gehen lässt einen dann vielleicht noch tiefer gehen, ermöglicht einen Zustand des Luziden und schafft dem Gehenden auch am Tag einen Blick dahin, wo man sonst nur nachts, wenn man Glück hat, tiefblicken kann.

Va plus loin,
va ton chemin,
va plus loin
fais ta route.
 
Sur la route tant de peines,
Tant de joies, tant de haines,
Un chemin pour chanter
Un chemin d'amitié.
 
Tout au long de la route
Nos espoirs et nos doutes;
Un chemin de pleurer,
Un chemin a trouver.
 
Avec Toi, la lumière
Au-delà des frontières;
Un chemin pour aimer
Un chemin liberté.
Eingeklebter Flyer, Gesang

In Boulieu d’Annony war ich in der Messe, Erstkommunionsfeier. Viel Gesang, volles Haus, aber die Hälfte der Leute kaugummikauend, die Kinder zwischen den Bänken spielend und mehr Interesse der Erwachsenen für das Geschrei eines Babys als für den Pfarrer. Dabei wurde einander in den Bänken aber Platz geschaffen und man hielt sich locker und fröhlich. Das Städtchen selber hat einen schönen, alten Teil mit Gässchen und Winkeln.

Die Wolken breiten sich in beängstigender Schnelle aus.

Dies schrieb er eben, bevor er sich nun in «Libertie» zum Schlafen legt. Wie sinnig, der Ortsname…

*Seine ehemalige Geschichtslehrerin

**Seine letzte feste Beziehung

***aus «Der Sturm», dem letzten Stück von Shakespeare: «Wir sind vom Stoff / Aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben / Beginnt und schliesst ein Schlaf» (Übersetzung: Frank Günther, 2001)

MindWalk 23/32 – Tag 26, in der Nähe von Devesset

Ein Monat sind wir nun schon unterwegs mit ihm. Lesen wir diesmal doch erst, was er schreibt.

Sonntag

Pfingstmontag

Ich hob meinen Kopf und da blitzte mir die Sonne zwischen den schwarzen Tannen ins Gesicht. Ich legte mich wieder und schwupp, sie war weg.

Die Wolken sind da und der Wind trocknet meine Haut. Nicht lange machte ich mein Morgenessen, denn es fror mich. Jetzt ein kleiner Halt, einige Infos in der Gîte d’etape» und natürlich croissants. Sind sind gut, allein der Bäcker hat sich in der Hefe vergriffen, dafür das Salz vergessen. Vielleicht erreiche ich heute noch die nächste Refuge, aber es ist weit (Auf der Verkehrstafel «Le Puy 59»)

Ein Tag mit spezieller Note. Ich fischte an einem Teich und erlebte die gleiche Faszination wie als Bub. Mehrmals sagte ich mir: Das ist das letzte Mal», und doch blieb ich über zwei Stunden. Ich fing eine Forelle, aber zu klein, wie mir schien, und liess sie wieder schwimmen. Jene, die genug gross war, brachte ich nicht an Land. Sie erlöste ich vorher. Seltsam, das Fieber, in das ich geriet – ein Urtrieb.

Als ich aufbrach, kam gleich eine Gruppe lauthals daher. Ich beschloss, zu beschleunigen, gewann Distanz und hörte hinter mir: «Voilà, un vrai pelegrin». Bald hatte mich ein Mann auf seinem Mountainbike eingeholt und fragte mich nach meinem Ziel. – Ich ging mit den Leuten, die meisten höheren Alters – Vogelschutztyp*, aber etwas sportlicher – und sie brachten einen Stab mit, der zur spanischen Grenze reisen wird. Von dort wird er in der Gruppe zu Fuss nach Santiago gebracht, als Zeichen der 90-Jahr-Feier dieses Sport- und Kulturvereins. Vorläufig aber «geht er» noch von Club zu Club.

Eingeklebte Broschüre „La F. S.C.F. N MARCHE… SUR DES CHEMINS DE COMPOSTELLE

Ich kam mir manchmal wie im Zoo vor, ich als ein Exotikum, das bestaunt und benieden wird. Froh war ich aber über die Gesellschaft, auch wenn manche nicht meinen Stil hatten. – Hier am See assen wir und von allen bekam ich etwas zugeschoben. Jetzt habe ich mehr als einen Liter Wein im Rucksack – au weia.

In der Gruppe gehen ist anstrengend. Ich verlor andauernd meinen Rhythmus. Bis spätestens Donnerstag will ich in Le Puy sein. Da mache ich dann Blauen.

Was passiert mit dir, wenn du z. B. den obigen Text liest?

Du «kennst» den Schreiber ja inzwischen ein bisschen, hast viel von ihm gelesen und ihn über die Tage und Nächte begleitet. Zu seiner Person und seinen Umständen hast du einiges erzählt bekommen und er hat dir viel berichtet. – Was macht nun der obige Text, der ja in keiner Art ausserordentlich ist, mit dir?

Einerseits liesst du den Text, indem du zu verstehen suchst, was da steht. Aber weiter wirst du zwischen den Zeilen lesen und was ja unumgänglich und auch ganz ok ist, gehörig interpretieren, hineininterpretieren. Als Drittes wirst du ganz eigene, also von seinem Erleben abgekoppelte und unabhängige Erkenntnisse, Spiegelungen, Gedankengänge und Ideenketten haben.

Möglicherweise ist also ein solches Textfeld wie eine Landschaft, durch welches du mit deinen Augen gehst, es durchwanderst. Du triffst auf Bekanntes, auf Interessantes, auf Rätselhaftes und aber auch auf vieles, was du einfach so mitnimmst. Da und dort aber bleibst du stehen und verharrst, schaust zu, staunst, werweisst («werweissen»: schweizerisch für «hin und her raten, brüten, grübeln, knobeln») und lässt dich berühren. – Kann man also ebenso durch einen Text gehen, wie man durch eine Landschaft geht? Kann man in einen Text hineingehen? Oder umgekehrt: Sind Gänge draussen möglich, also in der Landschaft, so dass sie sich adäquat vollziehen, wie wenn man Texte läse, wie man Texte lesen kann?

Und noch weiter: Kann man vielleicht auch schreiben wie gehen?

Es sehen, es spüren, es leben, durch es hindurch gehen – nichts weiter.

Bemerkenswert am obigen Tagebucheintrag scheint unter anderem sicher die Erkenntnis, dass er einerseits grosse Freude an der Gesellschaft hat, sie geniesst und es ihm gut tut, bestaunt zu werden. Die ihm zugesprochene Ehere nimmt er gerne an. Aber er bemerkt auch, dass das «zusammen Gehen» nicht so gut zusammen geht. Zusammen gehen geht zusammen nicht wirklich, erkennt er. Er ist nicht mehr kompatibel. Unterwegs hat er sich Autonomie ergangen, einen Stil, einen Rhythmus und einen Modus. Und dies trennt ihn nun von den Herkömmlichen – die im wahrsten Sinne «dahergekommen» sind.

Er wird zwar als «vrai pèlerin» angesehen, den er wegen der gegangenen Kilometer tatsächlich auch ist. Wenn die «anderen» nun aber eine Verbundenheit zu ihm empfinden, ja gar eine Verwandtschaft, sich gleich fühlen mit ihm, weil auch sie ihren Stock pilgerend zur Grenze und dann nach Compostela bringen werden, so trennt doch etwas Entscheidendes sie von unserem Geher: Sie sind «Rudelwanderer». Und das heisst, sie werden als dieselben nach Hause kommen, als die sie weggegangen sind. Sie sind als Typen, Charaktere, Wesen und Objekte unterwegs und werden als dasselbe wieder zurückkommen. Er aber hat sich solo aufgemacht, alleine. Und wer schon so lange das Land durchwandert, es mit der Seele sucht, das Land, das er selber ist, dir wird… Ja, was denn?

Der wird möglicherweise selber Landschaft. Der ist inzwischen Landschaft.

*In seinem Heimatdorf war er manchmal mit dem Ornithologischen Verein unterwegs, von diesen Ausflügen kennt er den «Vogelschutztypus» 🙂

MindWalk 23/32 – Tag 27, Ginsterberg bei la Teyssonneire

Wieder erst das Tagebuch…

Dienstagabend

Ein Ausblick, sitzend im blühenden Ginster und in den Erika, der meinen Atem fahren lässt. Die ganze Gugelhopfebene um Le Puy liegt vor mir im Dunst, schattiert durch die Abendsonne. Ausser Vögel, dem Rauschen der Bäche im Tal und dem Fächeln des Windes herrscht göttliche Stille.

In meinem Rucksack warten zwei «Tomme de Chèvre» und Brot und ich freue ich auf den Morgen, wo hoffentlich die Sonne mich blicken kann. Die Mücken werden sich wohl auch schlafen legen – und dann, wenn ich mir einen gebe, halte ich beim nächsten Sonnenniedergang Einzug in der Vulkanstadt «Le Puy“ – Judihuy!!

Es folgt die obige, doppelseitige Skizze mit Textbeigabe: «Sicht gegen Le Puy» 

Vor sechs Jahren dachte er während dem «Erinnerungsscheiben» zurück an die nun folgende Nacht – dies, ohne den Tagebucheintrag zu kennen. Er war sich nicht einmal sicher, ob er zu dieser Nacht überhaupt etwas geschrieben hatte.

Eine Sicht heute – «Murimoos»

Es sei aber verraten: Aus dem originalen Skizzen- und Tagebuch wird im nächsten Beitrag ein wunderbar griffiger Text gezeigt, der im Vergleich zum hier folgenden, knapp dreissig Jahre später erinnerten, ordentlichen Gesprächsstoff bietet…

Vor Le Puy schlief ich auf einem Berg unter freiem Himmel: Und ich war beseelt in jener Nacht – auch weil ich wusste, dass ich morgen in einem halben Tagesmarsch das Primärziel erreichen würde.

Ich schlief auf einem Ginsterbusch, auf der Pflanze selber. Ich kam mir vor wie ein König in seinem Schaukelbett, über mir der Baldachin als Nachthimmel. Zwar wurde es gegen den Morgen hin beklemmend kalt. 

Gegen Le Puy hin, so meine ich mich jedenfalls zu erinnern, zog schon ein helles Band am Horizont auf. Ich lag alleine auf diesem Berg in meinem Schlafsack und fror, kläglich. Schlafen konnte ich nicht mehr. Einfach liegenbleiben machte darum keinen Sinn, weil der Ginster so bequem auch nicht war. Zudem hatte ich ihn etwas plattgedrückt. Aber es gab so viele davon. Sie blühten gelb.

Nachdem ich mich im Schlafsack mehrmals gewendet hatte, stehe ich auf: Mehr kann und will ich jetzt nicht machen, denke ich, als einfach dem Tag die Zeit geben und zuschauen, wie der Himmel aus dem Nachtschwarz sich lichtet, wie die Sonne zum Horizont sich vorschiebt, über den Bergrand guckt, alles aufhellt, zum Leuchten bringt, in den Taghimmel schleicht und mich endlich wärmt. Bis dahin bin ich ein hilfloser, frierender und überglücklicher Zuschauer. 

Ich gehe auf und ab und mache jene Übungen, die man eben macht, wenn einem kalt ist. Dann gleisst ein Punkt über den dunkelblauen Nachthimmel. In steter Langsamkeit fährt er dahin. Ich stehe da, schaue hoch und es erfasst mich ein Gefühl von unendlicher Ruhe, auch Stolz. Da oben «wandert» dieses von der Sonne angestrahlte Flugzeug, glüht, und ich stehe hier unten, dieses Menschlein, das sich von zuhause wegbewegt hat, stehe einfach da und sehe, rieche, höre, sinne – und friere. Nach dem langen Gehen denke ich: Ich bin unterwegs zu Fuss und ihr da oben seid es mit gegen tausend Kilometern in der Stunde, ich einzig und einsam und ihr da oben gemeinsam in einer grossen „Kiste». Ich habe es in den Händen und in meinen Füssen, wie es mit mir weiter gehen wird. Und ihr da oben könnt froh sein, wenn ihr nicht abstürzt.

Dem ist gut so – beides hat seine Berechtigung. Ich komme mir wunderbar erlöst vor, wie angekommen bei mir selber : Hannes Meier, mehr nicht. (den Leo holte er sich später dazu)

So viele Menschen habe ich hinter mir gelassen, denke ich, innerlich losgelassen, abgefallen sind sie von mir, dass es mich schreckt. So viel Zeit hast du mit dieser oder jener Person verbracht, und jetzt, nach vier Wochen, sind die Erinnerungen an sie verblasst und die Bindung ist nichtig. – Zeit verbracht oder Zeit verbraucht….?, denke ich.

Jetzt bin ich stark – auch körperlich. Die übelsten Gehgebresten 🙂 sind überstanden und mein Körper kann und will, was er können soll.

Der Himmel ist inzwischen – ja er steht über mir, wirklich 180 Grad, wenn nicht noch grösser – aufgehellt, in einem Blau der verschiedensten Töne. Hammer!Und vor mir liegt das Leben. Das andere habe ich hinter mir gelassen.  November 2014

MindWalk 23/32 – Tag 28, Ankunft in Le Puy

Hier, der Tagebucheintrag zur letzten Nacht vor Le Puy…

Mittwoch, am Morgen

Ich habe den Tag erwachen sehen – ein Schauspiel, das zu beschreiben ich einen Tag brauchen würde.

Gott war mir gnädig und liess die schwarze Decke beängstigend wachsen, so dass ich beinahe aufgebrochen wäre, um ein Dach zu suchen. Aber die Grauen zogen am Mond vorbei und als ich aufwachte – es schläft sich erstaunlich gut im Ginster, ich war eingebettet – funkelte der Himmel über mir. Irgendwann beschloss ich nach längerem Zögern aufzustehen, um mit Hilfe der Sternenkarte die Bilder am Himmel zu finden.

Bald erhob sich am Horizont ein heller Streifen, der wuchs und breitete sich nach beiden Seiten aus, langsam kamen mir die feineren Sterne abhanden, irgendwo begann eine Lerche zu singen, schwieg aber bald wieder, weil sie doch noch zu früh war, und ich hörte nur wieder den Bach im Tal. Langsam zeigten sich die Hügelketten wie tödliche Riesenwürmer, der Osten rötete sich leicht und auf der gegenüberliegenden Erd- oder Himmelsseite trafen die beiden Bänder wieder aufeinander.

Über mir war es am dunkelsten, aber bald verloren auch da die Sterne den Wettstreit, die Vogelwelt erwachte in corpore, Matten begannen sich abzuzeichnen, der Ginster bekam langsam sein Gelb, ein Flugzeug pisste einen goldenen Faden über die Glut, erste Menschenstimmen brachten mir Klarheit, dass es noch andere gibt, die früh aufstehen (müssen) und nach längerem Harren, die Täler im Dunst hinter mir, erhob sich über eine schmale Wolkendecke die Scheibe, rot und bald blendend.

Vor dem Aufgang machte ich noch Aikido-Übungen – Atem, Torifune -, was mir ein tiefes Erwachen verschaffte.

Aber eben: In Worte fassen, ein solches Erlebnis, ist möglich, aber weitab nicht treffend.

Beim Abstieg verlor ich meinen «basilic». Wie ich ihn suchte, fand ich ihn hängend in einem Rosenbusch, beinahe ohne Wurzeln und den Topf mit der Erde weiter unten im Bord. Kläglicher Anblick – ich weiss nicht, ob er überlebt.

Ich freue mich auf Le Puy.

Nun kennen wir zwei Texte, die erzählen von derselben Nacht, erlebt vom selben Menschen. Der eine Beitrag wurde 26 Jahre nach dem eigentlichen Erlebnis erinnert, der andere gleich wenige Stunden nach dem Ereignis.

Was erfährt man als LeserIn nun beim einen und was beim anderen Text? Was erkennet man, wenn man die beiden Erzählungen vergleicht? Was könnten wir schliessen aus den Unterschiedlichkeiten – sowohl den inhaltlichen als auch den sprachlichen? Und was könnte uns das alles grundsätzlich sagen, wie Erinnern funktioniert? Wenn Erlebtes in unterschiedlicher zeitlicher Distanz zum Originalereignis erinnert wird, was verschiebt sich da? Trotz dem tiefen und festen Willen zur Wahrheit und nichts anderem, als der Wahrheit?

Einen einzigen Punkt aus den Texten möchte ich hier aufgreifen – nämlich das «Flugzeug». In beiden Texten taucht es auf.

In der Originalerzählung, entgegen der grossen Wichtigkeit im später verfassten Text, kommt es nur in einem einzigen Satz vor: «… ein Flugzeug pisste einen goldenen Faden über die Glut …«. Dieser Satz ist prägnant und man kann sich fragen, welches Denken der Schreibende mit diesen Worten transportieren will: Meint er es abschätzig? Will er einen Kontrast setzen zum sonst eher elegischen Beschreib der Naturvorgänge? Sucht er mit dem Verb «pissen», das Flugzeug zur einer Art lebendigem Wesen zu machen, um es so in sein Bild von «mit Leben ist alles durchtränkt» einzugliedern? Liest sich darin eine Technikkritik? Oder verbirgt isch in diesem kurzen Satz vielleicht doch all das Denken und Sinnen, welches wir beschrieben bekommen im Text, der Jahre später niedergeschrieben wird?

Eine weitere Frage drängt sich mir noch auf: Beide Formate sind Erinnerungstexte – auch wenn jener aus dem Tagebuch sehr zeitnahe zum Erlebnis aufgezeichnet wurde. Und beide, obwohl im Grundtenor kongruent, erzählen sie etwas anderes. – Nun zur Frage: Liesse sich aus dieser Erkenntnis ableiten, dass «Erinnern», «je zeitlich weiter entfernt» es vom eigentlichen Ereignis stattfindet, «es» sich das Erlebte zu dem macht, wofür es eingesetzt werden möchte, wofür es benötigt wird?

Und wenn dem so wäre, würde das wiederum hiessen, dass wir mit den eigenen Erinnerungen umgehen könnten – dass wir mit ihnen gar kreativ arbeiten könnten, also auch, um sie uns nutzen, als Hilfe, als Stärkung, als Energie – weil wir eben wissen, dass wenn «wir» es nicht tun, tut es eben «ein anderer Teil» in uns?

Und somit können wir überlegen, was das mit dem Gehen zu tun hat, wo im Thema «Mit Erinnerungen lebendig umgehen», spielt das «Gehen» mit?

Die Gegend hier ist wunderbar!

Am Abend dann

Bin hier in «Le Puy», schwitzend – dadurch spriesst das Ekzem – aber gut erhalten angekommen. Nahm vorher in der Loire noch ein reinigendes Bad und zeichnete. Jetzt aber bin ich geduscht und habe ein Zimmer mit Henry und Yann zusammen. Es tut gut, diese Ruhe, eine Art zu Hause zu haben. Für zwei Tage bleibe ich sicher und danach ziehe ich weiter Richtung «Conques». – Das Telefonat mit der Zentralstrasse* war schön – an zwei Apparaten Zuhörer – aber auch teuer, ich konnte nicht alles bezahlen. Muss morgen wohl nochmals hingehen – und malen – und waschen.

Yea! Le Puy en Velay

MindWalk 23/32 – Tag 29, Ausruhen I in Le Puy

Er ist da! Angekommen…

Interessant kann jetzt sein, zu sehen, was das für ihn heisst – ankommen. Was macht er daraus: Die Zeit der Entbehrung ist vorbei. Die sich selber aufgetragene Aufgabe ist geschafft. Die Erlebnisse und die Erfahrungen sind «in der Tasche». Und nun, was jetzt?

Fällt es dir persönlich leicht, anzukommen? Wann gelingt es dir? Was hilft dabei? Und welches ist dein schönstes Erlebnis, wenn du an ein eigenes «Ankommen» denkst? Warum?

Meines Erachtens wird dem ANKOMMEN im Gegensatz zum LOSGEHEN oft zu wenig Beachtung geschenkt, zu wenig Bedeutung beigemessen. Dabei gehören sie zusammen, wie oben und unten, wie weiss und schwarz, wie Leben und Sterben, … Losgehen und Ankommen – Keines ohne das Andere.

Ich ahne gar, dass wer das Ankommen nicht stimmig leben kann, Mühe hat, loszugehen. Das hiesse aber nicht zwingend, dass so eine Person nicht «losgehen könnte» – vielleicht gar im Gegenteil. So ein Mensch könnte dann sogar besonders viel unterwegs sein, würde beständig «losgehen», kaum wäre er angekommen. Er nähme sich aber nicht den Raum für das Ankommen – vielleicht weil ihm die Erfahrung fehlt, die frühe Erfahrung, dass Ankommen Ruhe und Geborgenheit bedeutet und jener Raum ist, in dem sich die Energie und die Richtung für das neu Ziel gebiert. – Oder aber so eine Person bräche gar nicht mehr auf, würde verharren, würde lieber alle Wiederwertigkeiten aushalten, als dass sie sich noch einmal aufmachen würde und sich dieser schlimmen Erfahrung aussetzte, «auf der Spitze des Berges anzulangen» und dabei nicht Mattheit und Glück, nicht Zufriedenheit und Leere, nicht Lob und Ruhe geschenkt zu bekommen.

Während meiner Zeit des Erinnerungsschreibens fielen mir zwei Sätze zu, die ich sehr mag:

Ankommen heisst, das Ziel zu verlieren.

Wirklich ankommen meint, die ursprünglichen Vorstellungen vom Ziel mit den Wirklichkeiten tauschen.

So, hier nun aber rückt endlich der Text aus dem Tagebuch ins Zentrum!

Zum Verständnis noch: Die Stadt Le Puy-en-Velay ist eingebettet in eine alte Vulkanlandschaft, die sich durch schroffe und in ihrer Art wilde und wirre Täler zeigt, aus denen Kegel aufragen, ehemalige Vulkanschlote. Auf einem solchen «Güpf» steht eine in Rotbraun gehaltene Marienstatue, die bestiegen werden kann. Gegossen wurde sie vor gut zweihundert Jahren, aus den Restbeständen napoleonischer Kanonen.

Donnerstag

Äusserst eigentümlich ist es, im Hals der Maria zu sitzen und Bitten und Namen zu lesen, geschrieben unter riesigen Schrauben und Muttern, die sie zusammenhalten. Weiss ist sie gemalt innen. Erst über eine steinerne, danach über eine metallene Wendeltreppe, gewickelt wie um ihr Rückgrat, erklimmt man sie. Gucklöcker erlauben einem den Ausblick in die Vulkangegend und auf das Wirrwarr der Dächer.

Viele Bitten sind an «Notre Dame de Puy – la Vierge» gerichtet. Obwohl ich nicht mit einem besonderen Wunsch hierher gekommen bin, und obwohl meine Marienbeziehung – wie im Gegensatz z.B. zu Beni* – gering ist, so pocht doch mein Herz nervöser in dieser Statue, gegossen aus 213 Kanonen – oh, wie gut. Die ganze Überzeugung, die darin, wie auch im Kloster, im Kreuzgang und in den Gemälden steckt, die fasziniert mich.

Die Stadt überfordert mich. Dank meiner Unterkunft ist’s passabel, denn da habe ich einen Rückzugsort, der abgeschlossen ist. Es gibt so vieles, so schönes zu sehen, dass ich es nicht schaffe, es respektabel aufzunehmen. Vor der «Notre Dame» nahm ich mitschleichend an einer Führung teil durch den Kreuzgang und den «Tresor». Ich verstand wenig. Um aber die Geschichte der Kathedrale zu verstehen und somit den Bau, da würde ich Zeit brauchen, viel Zeit. So gehe ich mehr wie ein Voyeur durch die Gegend.

Das Aquarellieren wurde durch Himmelsaqua unterbunden. Vielleicht mache ich morgen weiter.

Der Ausgang gestern mit dem Vulkanologen war unterhaltsam. Wir vermissten aber beide das «Nachtleben». Die Stadt war beinahe tot. Nur eine junge Frau, die «Gattin Bob Marley’s», flippte mit ihren Kolleginnen auf der Strasse und in den Bars, kreischte und jauchzte nach reichlichem Alkoholgenuss und verliess dann die Bühne per Auto mit Kollegen. So brachte sie uns doch noch dazu, zu spät in der Jugi anzulangen, wo wir vor verschlossene Tür vom Chef einen sanften Rüffel einfingen.

Vom Weg nach Santiago habe ich einen guten Viertel zurückgelegt. Ob ich den Rest auch noch zu Fuss mache?

Eingeklebte Karte der verschiedenen GR durch Frankreich,
u. a. GR 41 Le Puy – Moissac und St.-Jean-Pied-de-Port, orange nachgezeichnet,
die Route von Le Puy bis Moissac

Und jetzt zu mir

Ich ziehe mir morgen die Wanderschuhe an. J. G. Seume** gleich mache ich mich auf den Weg: «Ich schnallte in Grimme meinen Tornister, und wir gingen.» Wenngleich ich in Aarau starte, ich nicht so weit gehen werde, auch nicht so lang und nicht so ausladend – aber ich gehe.

Gehen hilft im Leben oft, plattentektonische Verschiebungen zu integrieren.

In meinem Leben überbrückte ich Schnittstellen oft mit «Gehen». In einer gewissen Art «klebte» ich sie, als ob ich zwei Platten mit einer Fuge «gehend» verbunden hätte. Als Sohn eines Fliesenlegers kann ich mir das ja so vorstellen: Gehen als Fuge. 🙂

Ich denke, ich gestalte mir mein Abschliessen dieses Blogs mit wirklichem Gehen – auf dass sich Kreise schliessen. Mein primäres Ziel ist es jetzt, selber wieder auf die Sohle zu gehen. Ankommen möchte ich am Dienstagabend in Einsiedeln. – Bis zum Donnerstag lebt der Blog noch weiter, vielleicht auch mit Eindrücken von meinem aktuellen Gang.

Die Schuhe binden, den Rucksack schultern, den Hut auf den Kopf setzen und den Stock nehmen. Dann die Tür aufmachen, raus gehen und die Tür schliessen. Schlüssel rein, drehen und raus. Dann den Schwung in den Körper nehmen und gehen – den ersten Schritt machen, über die Türschwelle. Dann den zweiten, dann den dritten, den vierten, den fünften, sechsten, siebten… Gehen

*Studienkollege aus der Lehrerbildungszeit

**»In Grimme», eigentlich «Grimma», Sitz eines Verlagshauses in Dresden, startete Johann Gottfried Seume 1801 zu seinem «Spaziergang nach Syrakus». Damals ging er von Deutschland aus via Prag, Wien, Triest, Venedig und Rom nach Neapel und Palermo, umrundete Sizilien und kam auf dem Rückweg über Mailand, Altdorf, Flüelen, Laufenburg und Basel nach Paris, um von dort Frankfurt zu besuchen und den Weg nach Hause fortzusetzen über Offenbach, Erfurt und Leipzig. – Dies ist der erste Satz aus seiner 294-seitigen Erzählung, unter anderem erschienen bei dtv, herausgegeben 1985 und kommentiert von Albert Meier

MindWalk 23/32 – Tag 30, Ausruhen II in Le Puy

Erst ohne weitere Worte.

Freitag

Habe heute einen häuslichen Tag. Ich schrieb und jetzt sitze ich im Kaffee bei Croissants und …

Draussen schüttet es schon seit gestern Abend und ich hoffe, bis morgen seien die grauen Wolken geleert. Auf heute Abend will ich kochen für Hendrik und Yaro*. Vorerst muss ich noch einkaufen. Was heisst wohl «Schweinsplätzli» in der hiesigen Sprache?

Zum ersten Mal streikt meine Verdauung. Ich ernähre mich wohl etwas unsorgfältig.

Eingeklebt: Broschüre «Le Puy en Velay»

Ich versuche zu überlegen, was der Monat meiner Reise, das Füllen dieses Buches, der ungefähr 500 km-Weg in mir bewirkt haben. Doch ich komme nirgends an. Zu stark bin ich drin.

Es kann ein Neubeginn sein. Das merkte ich beim Schreiben der Postkarten. Ich hatte leichte Mühe, Kontakt aufzunehmen, weil ich mich lösen will, auch von jenen Kollegen, die ich brauche. Ich suche eine Grenze zwischen «Altem», das ich fallen lassen kann, damit Raum entsteht für Neues und dem, was aus meiner Vergangenheit Bestand haben soll. In welches Neuland ich endlich eingehe, ist mir nicht klar.

Frontfassade der Kathedrale von Le Puy

Trotz allem Loslassen freue ich mich auf die Post in Aumont-Aubrac, die für mich wie ein Draht in die alte Welt ist.

Besonders gespannt bin ich auf den Brief von Marianne.

Sein letzter Satz in diesem Tagebuch richtet sich an die Frau, die er in Stans kennenlernte Annrea. Wie man aus seinem nächsten Tagebuch erfahren kann, wird er ihr schreiben und sie fragen, ob sie ihm eines ihrer Tagebücher schickt. Sie wird es tun …

Auf Post freut er sich auch. Nach vier Wochen alleine unterwegs sein, vermisst er Kommunikation, Beziehung und Austausch. Da er sich aber bald auf dem GR 41 bewegen wird, hofft er, auf andere Gehende zu treffen, um mit denen einige Tage Weg zu teilen. Aber er wird alleine unterwegs sein und alleine bleiben, bis zur Spanische Grenze. Dies wissen kann er heute noch nicht, aber es wird sich so einstellen. Damit er dabei dann nicht untergeht, wird er in Moissac seine Art des Gehens ändern, ebenso die Route anpassen – er wird sie verlängern. Dies alles wird keine einfache Entscheidung sein, aber eine kluge und richtige.

Im Augenblick aber würde er gerne herausfinden, was mit ihm los ist, was der Weg mit ihm gemacht hat und wohin das alles führen wird. Aber er kann es nicht erkennen. Wie er selber schreibt, ist er «zu stark drin» im Prozess. Es fehlt ihm der Spiegel, die Distanz, ein bekannter Raum oder eine bekannte Situationen, die ihm aufzeigen würde, wie anders er hörte, sähe, dächte oder agierte – wie «neben den Schuhen er stehe» – oder «wie festen Boden er unter den Füssen gewonnen hat».

Florian Werner** schreibt: «Gelangt man beim langen, einsamen Gehen, wie es das Klischee besagt, «zu sich selbst»? Lernt man sich also besser kennen, findet man sich oder sein «wahres Wesen» – oder verliert man sich vielmehr, wird man ein Nichts, ein Niemand, ein anonymes Trägermedium für die darübergeworfene Funktionskleidung? – Der französische Philosoph Ferédéric Gros () meint: Eher Letzteres. () Es gehe beim Wandern nicht darum, «sich von alten Entfremdungen zu befreien, um ein authentisches Ich zurückzuerobern, eine verlorene Identität», schreibt er in Unterwegs. Eine kleine Philosophie des Gehens: «Beim Gehen entfliehen wir viermehr schon der Idee der Identität, der Versuchung, jemand zu sein, einen Namen zu haben und eine Geschichte.» Wenn wir mehrere Tage oder Wochen zu Fuss unterwegs sind, so Gros, dann lassen wir «nicht nur unseren Beruf, unsere Nachbarn, unsere Geschäfte, unsere Gewohnheiten, unsere Sorgen zurück. Sondern auch unsere vielschichtigen Identitäten, unsere Gesichter und unsere Masken.» «

*Mit den beiden Herren teilt er in der Jugi ein Zimmer. Einer ist der «Vulkanologe»

**Der Weg des geringsten Widerstands – Ein Wanderbuch», Florian Werner, erschienen bei Nagel & Kirche, 2018

MindWalk 23/32 – Abschluss I

Es folgen zwei leere Seiten in seinem Tagebuch, danach zwei mit verschiedenen Adressen von Menschen, denen er unterwegs begegnete und dann, dann schliesst sich der Deckel. Somit ist auch unsere Reise fertig – voilà. – Unser Geher schickt das Buch per Post nach Hause. Das wissen wir, weil er sein nächstes, ein in Goldlettern als «Livre d’Or» benanntes und in einem dunklen Rot gehaltenes, mit folgendem Eintrag eröffnet

Freitag 27. 5. 88

Ich eröffne dieses Buch, das mich Richtung Santiago begleiten wird, hier in «Le Puy» mit dem Übertragen der Adressen.

Samstag (dazu eine Skizze der «Chapelle St. Roch»)

Bin wieder auf der Sohle  – Richtung «Conques», dem GR 65 folgend. Am Morgen wälzte ich mich gemütlich aus dem Bett, frühstückte mit Henri und verabschiedete mich von Yaro. Das Sammeln und Packen meiner Sachen dauerte seine Zeit und der Rucksack ist nach meinen Einkäufen – bin eben nicht sparsam mit dem Geld umgegangen – wieder etwas schwerer. Nach einer Fototour und dem Besuch einer Ausstellung über «Mariendarstellungen im Laufe der Jahrhunderte», verpasste ich 12 Uhr und das Senden des Pakets war unmöglich. Ich beauftragte eine Wirtin damit – ist schon etwas gewagt, denn das Buch und auch die Filme sind mir Gold wert. – Dann, gegen 13 Uhr, ging ich los… 

Der Aufwand, ihn auch in diesem zweiten Buch zu begleiten, übersteigt leider meine vorhandenen Möglichkeiten. Zudem, bis wir mit ihm in Finisterre ankämen, warteten noch zwei weitere auf uns… Wo also würden wir halten, wenn nicht hier?

Damit das Ende aber nicht ganz so abrupt daher kommt – aber nicht weniger tragisch -, zeigt sich auf einer der letzen Seiten noch ein Foto, daneben in seiner Handschrift dieser Text :

Ein Platz für Luki*, der mir während der letzten Wochen manchmal nahe war: Im Schnee nach Einsiedeln, im französischen Dschungel, auf dem «Mont jeunet»** beim Sonnenaufgang, bei der Erzählung Yaro’s über den Kannibalismus in seiner Heimat …

Bei einem Soloflug in den Bergen stürzte Luki mit dem Gleitschirm ab – wenige Wochen nach dieser gemeinsamen Skitourenwoche, während der unser Geher dieses Bild knipste. Luki steht in der Mitte, trägt die hellblaue Jacke.

Sein Bild, wie er da lag im Kühler, die Bandage um die braune Stirn, das zerschundene Gesicht mit dem Lächeln – das ist das, was bleibt am Ende seines Weges auf der Suche nach seiner Freiheit!

Die Nachricht von seinem Tod war für den Gehenden ein Schock. Er wusste sich nicht besser zu helfen, als in derselben Nacht noch die Schuhe zu schnüren und von Wohlen aus im Dunkeln nach Zug zu gehen: Abschied nehmen, ihn noch einmal sehen – ein letzter Blick.

Folglich nahm unser Geher dieses Foto damals mit auf den Weg. Möglicherweise klebte er es vor dem Start schon ein. Oder aber, er entschied sich erst in Le Puy es einzukleben, um neben all dem anderem, was er hinter sich liess, jetzt auch dies zurück zu lassen.

Morgen gibt es einen weitern und letzten Happen «Stimmen von aussen».

*Luki ist ein Freund aus der Studienzeit

**der Ginsterberg

MindWalk 23/32 – Stimmen von aussen

Diese Stimmen erreichten mich per Mail. Die Bilder stammen von weiteren Strecken auf dem Weg, hin zum Ende der Welt.

Mit Lust lese ich deinen MindWalk und freue mich jeweils auf die Mittagspause, wenn die neue Geschichte zum Dessert bereitsteht. Spannend, sorgfältig geschrieben, illustriert und klar geordnet. Ich gratuliere von Herzen!

… damals bin ich auch viel ‘gegangen’ – in jeder Hinsicht…‘Immer’ gleiche Tagesrhythmen wie auch kalte, feuchte Schlafgelegenheiten im  

Sack, auf Stroh oder Waldboden kommen mir in den Sinn, wenn ich deine Berichte lese.

… diese Jahre der Selbstfindung, in denen wir glücklicherweise die Freiheit hatten, das zu tun, was wir getan haben. Nicht selbstverständlich für die Bewohner dieses Erdballes – da sind wir doch wirklich privilegiert. Ich freue mich auf die nächsten Etappen….  F. S. in W.

Schönes Projekt! Am besten gefällt mir die Mischung aus Text, Zeichnung und Fotos. 

Wie toll wäre es, dein Projekt als Buch oder als serielles Druckerzeugnis (Heft 1 – 87 o.ä.) im Garten in der Hängematte, auf dem Boot oder im Bett zu lesen. Ich leide unter einer Überdosis an Digitalem.    S. H. in S.

Ist deine Reise etwa schon zu Ende? Irgendwie schade. 

Ich habe mir mal  den ‹Spaziergang nach Syrakus› besorgt- und hoffe, dass er lesbar ist. 

Reiseberichte regen mich zum Träumen an. Es war mir eine Freude «ihn» zu begleiten.    J. M. in E.

Jetzt komme ich endlich dazu, Deinen Blog zu würdigen. Spannend, nachvollziehbar, anregend und unterhaltsam. Deine Bilder bereichern das Ganze ebenfalls sehr. Ich bin froh, dass das so toll daherkommt und dass du drangeblieben bist.* R. B. in A.

*Als Musiker begleitete R. B. den Gehenden vor fünf Jahren bei der Lesung «Gehen im Kopf» – Tagebuch und Erinnerungstexte

Ich habe es nicht geschafft …. Leider! Blog lesen ist definitiv nicht mein Ding. Ich versuche eine gedruckte Version herzustellen. Diese kann ich dann im Rucksack mitnehmen oder sie unter mein Kopfkissen legen und deine Reise vor dem Schlafengehen gemütlich reinziehen.    E. A. in Z.

Gerne bin ich immer wieder mit dir und deinen Gedanken mitgegangen. Danke! T. S. in BS.

… du weisst ja, wie sehr mich Wandern, Unterwegssein, Pilgern interessiert, und während ich das schreibe ist Bruce Chatwins Traumpfade und Thomas Bernhards Gehen keine Armlänge von mir entfernt. D. B. in L.

Ich habe den Eindruck, dass wir manchmal zur gleichen Zeit die gleichen Bücher gelesen haben…
C. S. in H.

Du bist ein Spannender!                                 R. T. in E.

ich bin mit dir auf dem weg, aber noch einige tage zurück 

ich weiss noch nicht, wo du mich mit nimmst / hinnimmst; das weiß der schreibende auch noch nicht, aber die erinnerung weiß es 

das geschriebene ist schön. mir fehlt etwas das innere:

was passiert mit ihm jetzt? 

später auf dem weg, da gibt es andeutungen. er läßt es zu, nur für einen moment … der tunnel, der freund, die frau, die sonne, die landschaft, …

ich folge dir, wohin du gehst und halte ausschau K. S. in P. 

Es ist schön, sich in deine Gedankenwelt entführen zu lassen. Schade, dass du mit dem Blog aufhörst.      P. G. in A.

Lauter neue, spannende Wege. Viel Erfolg! S. S. in Z.                                                              

MindWalk 23/32 – Tag 30B, Abschluss II

Dieser letzte Eintrag wird assoziativ und bunt – wie das Sammelsurium an Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen am Ende einer langen Wanderung.


Im 
Ziel liegt 
Das Eine, im
Tempo und Rhythmus das
Andere

Seit Sonntagnachmittag bin ich auf der Sohle. Von der Staffelegg aus wanderte ich nach Schinznachdorf. Dort nächtigte ich und kam am Folgetag über das Schloss Habsburg via Mülligen nach Mellingen. Nach einer Nacht im Löwen brachten mich Bus und Zug nach Rothenthurm


Den
Tag sehen
Wie eine Landschaft
 
Den
Tag begehen
Wie eine Landschaft

Heute ging ich von Rothenthurm her jenen Weg, von dem der Gehende vor 32 Jahren schrieb, nachdem er sich beim Überqueren der Haggenegg gottsjämmerlich verirrt hatte:

Was ich heute gegangen bin, hätte ich via Katzenstrick dreimal einfacher haben können. 

Auf der Strecke von Altmatt hinauf zum Katzenstrick wurde ich überrascht: Um diese Kilometer nicht pathetisch oder romantisch werden zu lassen – sie haben halt eben doch etwas Spezielles in sich – , nahm ich mir vor, über nichts nachzusinnen, mich in keine Emotion hinein zu manövrieren und über nichts zu grübeln. Ich beschwor mich: Du fühlst dich auch nicht besser, als wie es eben ist. In keiner Art gibst du diesem Gang etwas weihevolles. Es ist nichts aussergewöhnliches! Einfach gehen, sagte ich mir, im Jetzt sein – in dem, was gerade vorhanden ist. Jetzt.

Und schwupp – mit einem Mal öffnete sich mein Geist und druckreife Gedanken ploppten auf. Wie ich merke, dass da noch mehr «hinten dran ist», dass da noch mehr «drückt», halte ich an und notiere in Stichworten, was mir eben in den Kopf floss. Beim Weitergehen dann, schupp, rollt die nächste «Ladung» heran und wie selbstvergessen ergibt sich in Kürze ein grosses und starkes Gedankenbild, ein Ansatz einer Vision, so dass ich, wie ich erleichtert und perplex zugleich auf der Krete ankomme und mit dem ersten Blick ins Tal und auf Einsiedeln hinter schaue, ja darüber hinweg, sehe ich klein, nur in einem schmalen Spickel aufleuchtend, den Sihlsee. Und in mir – es fehlt mir irgendwie das treffende Verb dazu – «zischen» das Gefühl und die Erinnerung auf, wie er damals, nachdem er seine selber ergangenen zweitausend Kilometer Fussweg unter der Sohle hatte, zum ersten Mal das Meer sah.


Ein 
Schreibender im 
Jetzt betrachtet den
Gehenden von damals
Der schreib
end
Geht

Und weil es eben doch nicht leicht zu lassen ist, kommt auch der Gehende von damals nocheinmal zu Wort – mit einem Folgeeintrag aus dem «Livre d’Or», dem Tagebuch 2:

Dann, gegen 13 Uhr, ging ich los, über gute Wege, fluchte wieder, wenn ich eine Abzweigung nicht bemerkte, weil ich abwesend war, und kam fast am Schnürchen – ausser dem Zeichnungshalt – hier an.

Ich habe ein ganzes, geheiztes Haus mit wunderbaren Zimmern für mich. Das ist sehr luxuriös. Eine heisse Dusche nahm ich und ich muss morgen nicht zeitig aufstehen, denn zu früh sollte ich nicht in Aumont-Aubrac sein. Sonst eile ich der Post vor aus.

In Le Puy kaufte ich mir noch einen Ring. Er ist aus Bronze und hat ein Blumenornament eingrafiert. Wenn ich in Santiago ankomme, bin ich reich… 


Der 
Im Heute
Nimmt jenen von damals
An der Hand
 
Der 
Von damals
Den gibt es nicht 
Er scheint nur auf -
Aber seine Hand

Fühlt sich warm an 

Bei so vielen Dingen in unserem Leben geht es um hohes Tempo. Gehen tut man langsam. Und ist damit das Radikalste, was man tun kann.*

Was jetzt? Ich bin angekommen, in Einsiedeln, im Hotel St. Joseph… Was jetzt?

Ich gehe nach draussen, rauf auf den Hügel hinter dem Kloster, auf den «Vogelhärd» und werde dort mit mir anstossen – und mit Euch – anstossen auf die spannende Reise im Blog, auf dich als MitgehleserIn und auf alle, die mich bis heute begleitet haben, im Ringen um all diese Themen.

Hier, mein riesiges und herzliches Dankeschön!

Es ist die Freiheit, welche das Notwendige entdeckt. … Freiheit als Möglichkeitssinn bleibt im Spiel, auch bei den sogenannten harten Tatsachen. Auch im Erkennen, nicht nur im Handeln, ist der Mensch ein Wesen, das immer auch anders kann; nicht nur anders handeln, sondern auch die Dinge anders sehen. Der Mensch lebt in Möglichkeiten. Wirklichkeit konstituiert sich in einem Horizont von Möglichkeit. Das ist Freiheit.**


Gehen 
und
Schreiben
sind Synonyme
Eines dem anderen Metapher
Rhythmus
ist in beiden

«Dass diese Praxis, Gehen und Denken zu der ungeheuersten Nervenanspannung zu machen, nicht längere Zeit ohne Schädigung fortzusetzen ist, hatten wir gedacht und tatsächlich haben wir ja auch die Praxis nicht fortsetzen können, sagt Oehler, Karrer hat daraus die Konsequenzen ziehen müssen».***


Mit 
Jedem Schritt
Fallen Illusionen und
Überflüssiges weg. Schrittweise zum
Kern

„…Was ein Apfel ist, erfahre ich anhand eines von Cézanne gemalten Apfels anders und vielleicht tiefer als anhand eines realen Apfels, der mir eine Selbstverständlichkeit ist und dem ich deshalb keine Beachtung schenke…“ ****   


Schluss 
Machen heisst 
die Vorstellungen vom Ziel 
mit der Wirklichkeit 
tauschen

Und feiern!

Jeder Weg führt zu einem Ende, zu einer Art Tod. Ein schönes Duo, diese beiden Wörter, Art und Tod.

Gehen ist Kunst.

*Erling Kagge in «GEHEN WEITERGEHEN», erschienen im Insel Verleg Berlin, 2018.

**Rüdiger Safranski in «*Romantik – Eine deutsche Affaire», erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag, 2009

***Thomas Bernhard in „Gehen“, Suhrkamp Verlag, 1971

****Klaus Merz in „Im Wegschauen sehen“ von Manfred Papst „Der gestillte Blick“, Haymon, 2007

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